Worringer Ziegeleien

Luftgetrocknete Ziegel (Lehmziegel) und gebrannte Ziegel (Backsteine, Dachziegel u.a.) sind das älteste „von Menschenhand geschaffene Baumaterial“. Diese waren aus tonhaltigem Lehm geformt Die gebrannten Ziegel wurden außerdem im Brennofen gebacken. Sie sind zwar im Gegensatz zum luftgetrockneten Ziegel dauerhaft verfestigt, aber dennoch nicht sonderlich witterungsbeständig. Der Standort der Feldbrandziegeleien richtete sich nach den Rohstoffquellen. Auf dem Pannenacker am Eispol wurde ein großes antikes Trümmerfeld mit Dachziegelstücken (Pannen) gefunden, ferner Fundamente, die auf die Herstellung von Tongefäßen schließen lassen. Der vom Rhein hier abgelagerte tonhaltige Lehm eignete sich dafür vortrefflich.

Nach einem Brand um 1475 wurde der Neubau von Hofhaus und Schafstall des vormals aus Fachwerk bestehenden Worringer Fronhofs erstmalig mit einem Ziegelbau errichtet, da er weniger brandgefährdet erschien. Hinsichtlich eines erneuten Brandes in 1657 beschloss der Kölner Domstift als Besitzer den Bau des „Amtsmannhauses“ unter Einbeziehung des alten Baues. Geziegelt wurde auf einer von Hochwasser versandeten Fläche, vermutlich dem „Tekelkamp“ vor der „Köllepooz“ (Kölntor, auch Oberpforte genannt). In einer Dokumentation des Domstifts von 1663 ist der „Tekelkamp“ (Gelände zwischen Neusser Landstraße und Langeler Weg), der zum Pilgramshof gehörte, aufgelistet. Tekel (= Ziegel) stammt aus dem altdeutschen Sprachgebrauch.                                                   

Nach einem verheerenden Brand im Quartier der „Dicker Hütte“ am 8. April 1721 wurden die im Besitz des Kölner Domstifts befindlichen Hofgüter Dicker-, Groß- und Pilgramshof „in quadro“ aneinander als Ziegelbauten mit sog. Feldbrandziegeln neu errichtet. Für diesen Großbau nutzte der Besitzer seine Beziehungen zu anderen geistlichen Institutionen, so zum Karthäuserkloster in Jülich. Vom Fabrikmeister dieses Klosters holte man sich Rat über den Aufbau eines Ziegelofens. Den tonhaltigen Lehm für den Ziegelbrand boten die am Pletschbach gelegenen domkapitularischen Felder. Der Brennofen stand hierzu am nordwestlichen Innenbogen des Worringer Bruchs. Dem Ziegelbäcker schrieb das Domkapitel Größe und Qualität der Ziegel sowie Brandakkord vor. Die Ziegel wurden aufgeschichtet, der Meiler mit Steinkohle beheizt und auf offenem Feld gebrannt. Die Dachziegel hatte man aus den Niederlanden erworben.

1869 wurde die Kirche (Alt) St. Pankratius an der „Alten Neusser Landstraße“ zur Schule umgebaut. Ein Erweitungsbau des östlichen Gebäudeteiles erfolgte im Jahr 1913, statt Feldbrand- verwendete man Industrieziegel.

Die Worringer Ziegelfabriken eroberten sich - begünstigt durch das immer mehr ausweitende Schienenverkehrsnetz - schnell ihre Absatzgebiete und erwarben in ganz Deutschland einen guten Ruf wegen ihrer ausgezeichneten Hohllochziegeln und der sog. „Biberschwänze“. Der für die Herstellung erforderliche tonhaltige Lehm lagerte im Worringer Bruch in einer Mächtigkeit von etwa 1,40 m. Da wo er noch feucht war, ließ er sich sofort kneten und glich gänzlich dem braunen Lehm, den das Hochwasser des Rheins auf den erhöhten Flächen abgesetzt hatte.                                                    

Der tonhaltige Lehm wurde an der „Äädkuhl“ (Erdkuhlenweg, jetziger Erdweg) gestochen und anfänglich mit Pferdefuhrwerken, später mit Loren (Kippkarren), zu den Ziegeleien befördert und dort in eine Grube geschüttet. Der trockene Lehm gelangte sodann in den trichterförmigen „Beschicker“, in welchem der Lehm stufenweise zerkleinert und durch mehrmalige Wasserzugabe knetbar wurde. Die Massen wurden entweder in Formrahmen für Hohlloch- und Dachziegel geformt oder durch ein „Mundstück“ gepresst, das genau die Form der „Ziegelsteine“ hatte. Ein Arbeiter schnitt diese mit den Drähten des Schneidapparates fortwährend in gleichen Abständen vom Pressstrang ab, während andere Arbeiter die feuchten Ziegel sofort auf flache Schubkarren luden. Dies ging so schnell, dass in einer Minute etwa zwei Karren beladen wurden. Die feuchten Ziegel wurden danach auf Gestelle in Trockenschuppen gestapelt, um mehrere Wochen an der Luft zu entwässern.

Zum Brennen wurden die Formziegel abwechselnd mit Kohle in einem Ofen aufgeschichtet. Der nun folgende Brennvorgang benötigte etwa 14 Tage, wobei die Ziegel nur etwa 3 Tage einer Temperatur von 600 - 900 ° C ausgesetzt waren. Die restliche Zeit diente zum Aufwärmen und Abkühlen, damit die Ziegel keine Risse bekommen. Die Qualität der Ziegel war sehr unterschiedlich. Ein Drittel davon war mit zu hoher Temperatur gebrannt und neigte zum Zerbrechen, ein Drittel war mit zu niedrigerer Temperatur gebrannt und verwitterte rascher. Oft waren einzelne Ziegel auch nur zur Hälfte von guter Qualität und somit bedingt brauchbar. Eine wesentlich bessere Ausbeute erzielte man später in Schachtöfen, die mit Kalksteinen ausgemauert waren. Ein Schachtofen konnte unter der herkömmlichen Technik etwa fünfmal jährlich beschickt werden.

Die Erfindung eines ringförmigen Ofens zum ununterbrochenen Brennen aller Arten von Ziegeln revolutionierte die Ziegelindustrie Ende des 19. Jahrhunderts. Der kontinuierliche Brand lieferte nunmehr eine gleichbleibende Qualität der Ziegel, während die Erzeugnisse in den vorher üblichen Brennöfen nach jedem Brand anders aussahen. Außerdem brannten die Ringöfen ununterbrochen Tag und Nacht, was den Bedarf an Arbeitskräften sprunghaft anwachsen ließ, zugleich aber auch eine vorher nie gekannte Steigerung der Ziegelproduktion ermöglichte

Der Ringofen mit dem großen Schornstein bestand aus einer Kreisform mit etlichen miteinander verbundenen Heizkammern, in denen unabhängig voneinander ein Feuer unterhalten werden konnte, das die in der Heizkammer befindlichen getrockneten Ziegelrohlinge brannte. Nach dem Brennvorgang ließ man in einer Heizkammer das Feuer ausgehen, die nächste Heizkammer wurde mit Brennstoff beschickt. Dadurch wanderte in etwa ein bis zwei Wochen das Feuer einmal um den Ring. Durch erfindungsreiche Be- und Entlüftung der Heizkammern erwärmten die gebrannten Ziegel die Frischluft für das Feuer, was diese wiederum schneller abkühlen ließ, während die heißen Abgase die Rohlinge trockneten und vorerhitzten. Gegenüber der beheizten Kammern befanden sich die jeweils kühlsten Kammern. Hier wurden die fertigen Ziegel entnommen und die Kammern wieder befüllt. Aus jeder Heizkammer ging ein Kamin in einen Rauchkanal, der wagerecht in der Mitte des Brennofens lag und in den Schornstein mündete. Alle kleinen Kamine konnten durch eiserne Ventilstangen geöffnet und geschlossen werden. Die Arbeiter befüllten die Heizkammern, verschlossen die Türen mit „Ziegelsteinen“ und Lehm und zündeten den Brennofen an. Das Feuer der einzelnen Heizkammern wurde Tag und Nacht überwacht; denn wenn die Hitze zu gering war, waren die Ziegel nicht durchgebrannt, war die Hitze aber zu groß, so schmolzen sie und flossen auseinander.

Stahl, Beton und Glas lösten aus ökonomischen und konstruktiven Gründen den Ziegel als Baumaterial ab. Mit dem Niedergang der Worringer Ziegelindustrie in den 1920-30er Jahren verschwanden nach und nach Fabrikgebäude und -schuppen. Dieser Vorgang hielt bis in die 1970er Jahre an. Heute erinnern noch einige, meist umgebaute Wohnhäuser und der Restbestand der Detmer´schen Ziegelei an diesen blühenden Industriezweig.                                                 

Nachstehend die in Worringen zumeist in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründeten Ziegeleien, die vornehmlich Dachpfannen produzierten:

  • Ziegelei Paul Ubber (jetzige St.-Tönnis-Str. 70 - 80), seit 1873,
    mit 2 Brennöfen, Schornstein von 11,30 m Höhe, 25 m langer Trockenschuppen, Stilllegung im 1. Weltkrieg, 1977 Abbruch der Gebäude

  • Dachziegelei Gebrüder Kaesbach (jetzige St.-Tönnis-Str. 94 - 100), seit 1865,
    um 1909 Übernahme durch Johann H. Becker, Um- bzw. Neubau (Falzziegel-Werk), um 1930 Vereinigung zur Tonindustrie Worringen AG, Anfang 1930er Jahre Stilllegung der Ziegelei

  • Dachziegelei Wilhelm Scheuß (jetzige St.-Tönnis-Str. 102), seit 1875,
    um 1935 Abbruch der Gebäude

  • Ziegelei Jacob Nicolini (jetzige St.-Tönnis-Straße / Westerburgstraße), seit 1835 eigens für den Neubau der Kirche St. Pankratius eingerichtet (älteste Worringer Ziegelei), nach 1852 mehrmaliger Wechsel der Besitzer, 1920 Abbruch der Gebäude

  • Dachziegelei Mathias Klouth (jetzige St.-Tönnis-Str. 116 - 122), seit 1879,
    1887 Übernahme durch Joseph Detmer, später Peter Künzler, 1896 Brand des Brennofens, 1903 Brand des Trockenschuppens, 1905 Schuppenneubau

  • Dachziegelei Peter und Theodor Pitzeler (jetzige St.-Tönnis-Str. 124 - 132), seit 1870 / 1873, Ziegelei mit 2 Brennöfen und Trockenschuppen, 1920 Abbruch der Gebäude

  • Dachziegelei Wilhelm Scheuß (jetzige St.-Tönnis-Str. 142 - 144), seit 1878,
    1887 Übernahme durch Johann Scheuß, ab 1917 Vereinigung zur Tonindustrie Worringen AG, 1920 Abbruch der Gebäude

  • Dachziegelei Johann Raaf - Johann und Wilhelm Bachem (Lievergesberg 80), seit 1876, 1880 Ausscheiden von Johann Raaf , um 1900 Stilllegung der Ziegelei

  • Dachziegelei Jacob Hilden auf einer Ackerfläche (Alte Neusser Landstr. 198 - 200), seit 1876, später Übernahme durch Theodor Hilden

  • Ziegelei Bernhard Ubber - Mathias Klouth (Alte Neusser Landstraße gegenüber der Scheuß`schen Fabrik), seit 1876

  • Dachziegelei August Scheuß (Alte Neusser Landstr. 212), seit 1858, Vorbesitzer Johann Bös (ob er schon eine Ziegelei betrieb, ist nicht überliefert), 1899 Übernahme durch Heinrich Becker. Das Gelände diente von alters her als Ziegelfeld. In der Dokumentation des Domstifts von 1663 ist der „Tekelkamp“ des Pilgramshofes aufgelistet. Auf dem Gelände der bis in die 1970er Jahre arbeitenden Becker´schen Ziegelei entstand die Straße „Am Frohnweiher“.

Manfred Schmidt, Dezember 2012

 Literaturquellen
http://de.wikipedia.org/wiki/Ziegelei, 2012

 Dagmar Hötzel: „Stadtspuren Denkmäler in Köln-Worringen und Roggendorf-Thenhoven, Siedlungsgeschichte bis 1914“, Köln 2002

Abbildungen Heimatarchiv Worringen