"Alte und volkstümliche Straßenbezeichnung „Eselsmaat“

 

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde für Worringen ein behördliches Straßenverzeichnis erstellt. Bis dahin trugen die Straßen und Wege Bezeichnungen, die die Ortsbewohner ihnen gegeben hatten. Vielfach sind die Bezeichnungen bei den Älteren heute noch alltäglich. Vor der Eingemeindung Worringens nach Köln 1922 hieß ein Teil der heutigen „St.-Tönnis-Straße“ von „Alte Neusser Landstraße“ bis „Schmaler Wall“ „Antoniusstraße“ („Thönisstraße“), der Flecken (= Markt) um die „St.-Tönnis-Straße“, „Pankratiusstraße“ und „In der Lohn“ wurde im Volksmund „Eselsmaat“ genannt.

                                                              

Die von der St.-Tönnis-Straße ausgehende Pankratiusstraße erschloss ehemals das Quartier „Dicker Hütte“. Die heute nach dem Worringer Kirchenpatron St. Pankratius bezeichnete Verbindung hieß im 18. Jahrhundert „Dickergäßchen“ und allgemein bis ins 19. Jahrhundert „Dicker Hütte“ oder „In der Hütte“. Das Erzstift Köln besaß in diesem Bereich bis zum verheerenden Großbrand am 8. April 1721 drei große domkapitularische Hofgüter (Groß-, Dicker- und Pilgramshof).

Wie kommt nun der Esel zum „Maat“?
Hierzu liegen mehrere sprachgeschichtliche Überlegungen vor:
a) In unserer Region kommen Namen mit „ESEL“ häufig in der Nähe von Landwehren vor. Man bezeichnet damit die geknickte oder schleifenförmige Führung eines Weges durch eine Befestigungsanlage, etwa eine Landwehr. Dadurch entsteht die eigenartige Wegbiegung, die vermutlich nach der Form des Eselsrückens benannt wurde.
b) „Eselspatt“ (oder „Eselspadt“) deutet auf alte Prozessionswege hin. Die kultische Verwendung des hölzernen Schnitzbildes eines Palmesels mit der reitenden Christusfigur führte zu dieser Namensgebung hin.
c) Esel fanden früher eine viel häufigere Verwendung zu Zug- und Lastdiensten als in jüngerer Zeit. So erhielt von Eseln viel betretenes Gelände zu Mühlen, deren Breite so gering war, dass gerade ein Esel mit einem Sack darauf gehen konnte, den entsprechenden Namen.

                                                                               

Bei der Abwägung der obigen Überlegungen zur Erklärung des Namens „Esel“ könnten jeweils a), b) oder c) zu treffen:
• Im 14. und 15. Jahrhundert wurden zum Schutz der Worringer Befestigungen vor Feindeinfall Wallgräben errichtet. Damit man die Durchlässe besser überwachen und verteidigen konnte, erhielten die Zugangswege einfache Biegungen in Form eines Eselsrückens oder s-förmige Schlingen. So ist auch im Namen „Eselsmaat“ nicht das uns allen bekannte vierbeinige Grautier zu Ehren gelangt, sondern wahrscheinlich nur dessen Rücken, oder besser noch, der Querschnitt seines eindrucksvoll gebogenen Rückens.
• Palmsonntag, das hohe Fest der Kirche, wird heute trotz aller Feierlichkeit doch nüchterner als ehemals begangen. Der kontinuierlich nachweisbare Prozessionsweg führte von Alt St. Pankratius an der „Alte Neusser Landstraße“ entlang der „St.-Tönnis-Straße“ am Fronhof vorbei zur neuen Pfarrkirche, also mitten durch den Ort.
• Das früher am „Schmaler Wall“ vorhandene „St.-Antonius-Tor“ („St.-Thönis-Tor“, im Volksmund „Tönnispooz“ genannt) bildete Worringens Grenze. Durch die Wallgräben ergoss sich das Abwasser in den dahinterliegenden Mühlenweiher und trieb die dort gelegene Wassermühle. In Richtung „Breiter Wall“ wurde der Wallgraben des Schmalen Walls um den Pilgramshof abgeleitet und von da zum Mühlenweiher geführt. Als die Wassermühle später infolge Wassermangels nicht mehr betrieben werden konnte, wurde der „Mühlenberg“ aufgeschüttet und darauf eine Windmühle errichtet. Im Jahre 1909 wurde der Graben des Schmalen Walls zugeschüttet.

Bei der Namensgebung von „Eselsmaat“ spricht meines Erachtens Einiges für a), mehr für die Überlegungen unter b) und viel für c). Der Leser möge nun selbst entscheiden, was unsere Vorfahren letztlich bewogen hat, den Bereich um die „St.-Tönnis-Straße“, „Pankratiusstraße“ und „In der Lohn“ „Eselsmaat“ zu nennen.

 

Literaturquellen
Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2001 (2000) des “Kreisheimatbund Neuss e.V.“
Archivunterlagen des „Heimatarchiv Worringen e.V.“

Manfred Schmidt, Dezember 2013