„Ferkes-Tünn“ - Antonius-Patrozinium am 17. Januar

 

Der hl. Antonius - als der Einsiedler (der Eremit, altgriechisch), als Abt (Abbas) und auch als Antonius der Große bezeichnet - erfuhr um das Jahr 1200 in christlichen Regionen allgemein einen hohen Bekanntheitsgrad. Er starb im Jahr 356. Seine Bedeutung liegt vor allem darin, dass er als erster Christ einzelne Einsiedler zu Mönchsgemeinden sammelte („Mönchsvater“). In der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts gelangten die Gebeine des Heiligen in ein kleines Dorf der Dauphiné, St. Dedier-de-la-Motte. Später nahm der Ort den Namen Saint-Antoine an. Die Kirche mit den Antonius-Reliquien in Saint-Antoine gelangte 1083 in den Besitz der benachbarten Benediktinerabtei Mountmajour, die hier eine Klostergemeinschaft eingerichtet hatte.

 

                                                                                               

Antonius ist insbesondere im Rheinland der Schutzpatron vieler Kirchengemeinden gegen Krankheiten aller Art (einst gegen „Ignis sacer“ [heiliges Feuer], später auch „Antoniusfeuer“ genannt, und gegen die Pest). Man stellte sich diesen Heiligen „als Hofmarschall Gottes und Himmelsbürger vor, ganz nahe an Gottes Thron und mächtig in seiner Fürbitte für Menschen und Vieh“. Seine Verehrung blühte auf mit dem Orden der Antoniter, zur Krankenpflege 1095 gegründet. Dessen Schweine durften, weil ihr Fleisch für die Armen bestimmt war, überall weiden. So kam Antonius posthum an sein Wahrzeichen, das Schwein (mit Glöckchen), was ihm dann liebevoll den Namen „Ferkes-Tünn“ einbrachte. Bis in die Neuzeit hinein unternahmen besonders die Bauern eine Wallfahrt zur Kirche, um den hl. Antonius um Fürsprache für eine gute Ernte und um Gesundheit in den Viehställen zu bitten.

Der hl. Antonius ist - neben dem hl. Pankratius - Schutzpatron der Worringer Kirche St. Pankratius. Die aus Holz gearbeitete Antoniusfigur unter der Orgelbühne am Eingang der Turmkapelle (* 1) stellt den Heiligen im etwas abgewandelten Habit des Antoniter-Ordens ohne sein Wahrzeichen, das Schwein (mit Glöckchen), dar. Auffallend sind das schmale Skapulier (ein langer, über den ganzen Körper herabfallender brauner Stoffstreifen), die Mütze, die an ostkirchliche und orientalische Einflüsse denken lässt, in seiner Rechten hält er den T-Stab, in seiner Linken das Evangelium (* 2). Das T (in der altgriechischen Sprache der Anfangsbuchstabe von tapeinos = demütig, niedrig) kann jenseits aller Deutungsversuche als stilisierte Stütze angesehen werden, die auf den Umgang der Antoniter mit Kranken, Armen und Pilgern hinweist. Gleich hinter der linken Eingangstür unter dem „Kreuzigungsfenster“ ist an der Kirchenwand ein Opferstock zu Ehren des hl. Antonius von Padua befestigt. Hier kommt weiterhin ein alter Brauch zum Ausdruck (* 3). In der Volksfrömmigkeit werden Antonius der Einsiedler und Antonius von Padua oft miteinander verwechselt.


                                                                                             


Früher feierte man jeweils am 17. Januar mit einem Gottesdienst das Antonius-Patrozinium. Dr. Josef Frings (am 1. Mai 1942 zum neuen Erzbischof von Köln ernannt, Erhebung zum Kardinal am 18. Februar 1946), der von 1915 bis 1922 als Pfarr-Rektor im benachbarten Fühlingen wirkte, hielt übrigens am 17. Januar 1919 in Worringen die Festpredigt. Eine besondere Rolle spielte bei der Zeremonie die Reliquien-Monstranz mit einer Reliquie des Heiligen (* 4). Pilgerprozessionen aus allen umliegenden Dörfern, aus Fühlingen wie auch aus Hackenbroich, kamen zum „Zint Tünnes“. Nach der Prozession durch Worringen und dem anschließenden Hochamt in der Pfarrkirche wurde Wasser, das sog. „Antoniuswasser“, in großen bereitgestellten Bottichen (später in Zinkwannen) gesegnet, welches danach jedoch nicht im Haushalt verbraucht, sondern vornehmlich dem Vieh verabreicht bzw. unter das Viehfutter gemischt wurde. Die Pilger nahmen das „Antoniuswasser“ in Gefäßen (Wandhüllen, Milchkannen) mit nach Hause. Vor der Kirche waren außerdem „Büdde“ (Holzbottiche) aufgestellt, in die Bauern Fleischstücke vom Schwein und Würste sowie Brote hineinlegten. Der Pfarrer behielt einen kleinen Teil für sich, den größten Teil aber gab er den bedürftigen Mitmenschen in der Pfarrgemeinde Worringen. Mit den Spenden dieser Naturalien entrichtete die bäuerliche Bevölkerung Tribut an den Heiligen für gewährten Schutz des Viehs.

Anknüpfend begann die weithin bekannte Antonius-Kirmes mit großem Jahrmarkt, der gegen des 19. Jahrhunderts seine Blütezeit erreichte. Der Antonius-Markt hielt sich noch bis kurz vor dem 1. Weltkrieg. Um die Kirche Alt St. Pankratius „om Maat“ und entlang der St.-Tönnis-Straße bis zu der im Januar 1838 eingesegneten neuen Pfarrkirche St. Pankratius sowie im „Schmaler Wall“ hatten Verkäufer und Schausteller ihre Stände und Buden aufgebaut. Waren aller nur erdenklichen Art wurden angeboten: Kleidung Wäsche und Bettzeug, Haushaltsartikeln, Bedarfsgütern für Stall, Hof und Scheune, Spielzeug für Kinder, Gebäck und „Moppen“ (Süßigkeiten). Auch in den vielen Gastwirtschaften war für den Durst und die Sättigung sowie Unterhaltung bestens gesorgt. Es wurde gegessen, bis die Rippen krachten und der Leibriemen ganz aufgemacht werden musste. Auf die Figur achtete damals sowieso keiner.

In Worringen lebt der hl. Antonius bis heute in Familien- und Vornamen sowie Gebäudebenennungen fort: Anton, Thönnes, Thönnissen / Toni, Tünn, Antonia / St.-Tönnis-Haus, Gaststätte „Zint Tünnes“ seit 1961, ehemalige St.-Thönes- (Antonius-) Kapelle, die an der Stelle des 1840 erbauten Pfarrhauses stand, ehemaliges St.-Thönis-Tor (am „Schmaler Wall“ vorhandenes St.-Antonius-Tor, im Volkmund “Tönnispooz“ genannt) und Antonius-Kirchhof (* 5).

Vor der Eingemeindung Worringens nach Köln zum 1. April 1922 hieß die heutige „St.-Tönnis-Straße“
1663 „St. Thönes Straß“
1757 „St. Thones“
1832 „Thönisstraße“ („Antoniusstraße“).
                                                                          


* 1 Auszüge aus der Chronik der Pfarrgemeinde Worringen (Gerhard Dane: „Kirche im Dorf“, Köln 1987):
1919 - „Frl. Kluth (Antoniusstraße) stiftete eine Antoniusstatue (M 600) mit Sockel (letztere von Möbelschreiner Peter Lindscheidt).“
17. Januar 1979 - „Zum Fest des hl. Antonius wird seine alte renovierte Figur unter der Orgelbühne, am Eingang der Turmkapelle, wieder aufgestellt.“
* 2 Es könnte ebenso als Buch der Ordenssatzungen der Antoniter gedeutet werden.
* 3 Die Darstellung des hl. Antonius von Padua zeigt ihn mit dem Attribut des Franziskanermönchs: Franziskanertracht mit dem Jesuskind auf dem linken Arm. Brautleute, Ehepaare und Familien verehren ihn als Schutzheiligen ebenso wie die Bäcker und Bergleute; um Hilfe wird Antonius außerdem gebeten bei der Suche nach verlorenen Gegenständen. Das „Antoniusbrot“, für das in der Pfarrkirche ein Opferstock steht, ist ein Almosen zu Ehren des Heiligen und erinnert an sein soziales Wirken.
* 4 Peter Joseph Elkemann, Pastor in der Pfarrgemeinde Worringen von Juli 1845 bis Dez. 1874 (verst. 8. Dezember 1874) brachte 1853 von seiner Reise nach Rom eine Antonius-Reliquie mit. Der Originalurkunde fügte er seinen Schenkungsvermerk für die Kirche St. Pankratius hinzu.
* 5 1959 wurden bei Arbeiten am neuen Entwässerungskanal auf kircheneigenem Grundstück für bestehende und noch geplante Bauten (Kirche, Pfarrhaus, Vikarie, neue Sakristei, neues Jugendheim) im Pfarrgarten ein große Anzahl von Skeletten und Keramik gefunden. Nach den vorhandenen Urkunden über den Kirchenbau ist die Kirche St. Pankratius auf dem ehemaligen „Antonius-Kirchhof“ errichtet worden.

 

Literaturquellen
Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2012 (2011) des “Kreisheimatbund Neuss e.V.“
Archivunterlagen des „Heimatarchiv Worringen e.V.“

Manfred Schmidt, Januar 2014