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Jüdisches Leben in Worringen - „Spurensuche“

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Die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit brachten auch eine grundlegende Wandlung der jüdischen Siedlungsstrukturen mit sich. Die meisten großen jüdischen Gemeinden im deutschsprachigen Raum verschwanden; es entstanden Ansiedlungen in kleinen Landstädten und Dörfern. Dieses sog. Landjudentum war bis zur sich fast über ein Jahrhundert hinziehenden Emanzipation ab dem Ende des 18. Jahrhunderts die typische jüdische Lebensform.

Erste Belege jüdischen Lebens im Umkreis von Köln stammen aus dem 14. und 15. Jahrhundert; allerdings siedelten sich damals vermutlich Landjuden noch nicht dauerhaft an. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts bildete sich im Ort Frechen eine jüdische Gemeinde, die sich in napoleonischer Zeit zur größten zwischen Aachen und Köln entwickelte. Zu Frechen - dem Mittelpunkt des Synagogenbezirks - gehörten zunächst auch die Juden der Bürgermeistereien Pulheim, Lövenich, Stommeln, Freimersdorf, Grefrath, Großkönigsdorf, Worringen, Efferen, Hürth und Brühl. Doch das Streben nach Selbständigkeit führte alsbald dazu, dass sich in den meisten Ortschaften autonome jüdische Gemeinden bildeten.

     

Das Gebiet der späteren Bürgermeisterei Worringen gehörte vor den territorialen Veränderungen in Auswirkung der „Französischen Revolution“ im Jahr 1789 zum Erzstift Köln (Graf Gerhard von Jülich verkaufte die Vogtei Worringen 1151 an das Kölner Domkapitel) und wurde vom Amt Hülchrath verwaltet. Die Religion der Einwohner war durchweg katholisch. Wer in die „Herrlichkeit Worringen“ zuziehen wollte, musste „katholisch“ sein. Ob dort zu dieser Zeit möglicherweise Einwohner jüdischer Glaubenszugehörigkeit lebten, war nicht festzustellen; dies triff ebenso für das 19. Jahrhundert zu. Die Volkszählung vom 1. Dezember 1905 in der Gemeinde Worringen ergab folgende Einwohnerzahlen: Ort Worringen 3.053 (3.026 kath., 27 ev.), Bergerhof 17 (16 kath., 1 ev.), Krebelshof 20 (20 kath.), Muckel 13 (13 kath.). Die unter der napoleonischen Besatzung eingeführte Gleichberechtigung der Juden und ihre Wiederansiedlung in Köln und im übrigen Rheinland wurden in den darauffolgenden Jahren systematisch zurückgenommen. Bereits im Wiener Kongress 1815 widerriefen die meisten Staaten des Deutschen Bundes die Zugeständnisse an die Juden.

                                                                        

 

Eine spezielle Bedeutung kommt der „Rheinischen Dorfchronik von Joan Peter Delhoven aus Dormagen (1766 - 1824) - Landwirt, stellvertretender Küster, Handelsmann und Chronist“ für die Bürgermeisterei Worringen zu, der als Zeitzeuge u. a. die Geschehnisse im Jahr 1819 aufzeichnete und interpretierte. Der Chronist notierte: „Der gewaltsame Tod eines siebenjährigen Mädchens und Gerüchte um einen Ritualmord in der nachbarlichen Bürgermeisterei Dormagen führten zu Spannungen und anschließenden Ausschreitungen gegen jüdische Bürger. Diese den Hep-Hep-Krawallen (* 1) zuzuordnenden Übergriffe entfachten nicht nur in Dormagen Unruhen und Verfolgungen, sondern auch in den umliegenden Dörfern.“ Auszug aus der Aktenführung der Bürgermeisterei Worringen vom 20. Oktober 1819: „Verwarnung an die Einwohner von Worringen gegen Misshandlung einiger durchreisenden Juden.“

                                                                         

Worringen war wie alle rheinischen Dörfer eine geschlossene katholische Gemeinschaft. „Ökumene“ im Dorf undenkbar! Wenn Durchreisende katholischen Glaubens im Ort starben, war die Beerdigung kein Problem. Die Lage Worringens an der örtlichen Landstraße brachte aber auch gelegentlich Andersgläubige, die hier verstarben. Sie wurden in einer tiefliegenden Stelle an der äußeren Grenze des Friedhofs um die alte Pfarrkirche St. Pankratius begraben. Im Internet-Portal des Historischen Archivs der Stadt Köln ist unter Signatur Best. 750 Friedhofsamt u. a. angeführt: „1853 - 1884 in den Bestand Worringen Judenfriedhöfe.“ Eine jüdische Begräbnisstätte in Worringen ist aus der Literatur nicht offenkundig. Nachfragen an die Synagogen-Gemeinde Köln und das Historische Archiv der Stadt Köln verliefen ergebnislos. Das Historische Archiv teilte mit, dass gegenständliche Original-Unterlagen bedauerlicherweise noch nicht zur Verfügung stehen. Zwar ist ein Neubau am Eifelwall nach dem Einsturz vor 11 Jahren weitgehend fertiggestellt, jedoch steht der genaue Bezugstermin noch nicht fest. Zur möglichen Existenz einer jüdischen Begräbnisstätte müssten indessen noch nachhaltige Quellenstudien unternommen werden.

                                                                                                       

 Die heutige „Bolligstraße“ zwischen „Lievergesberg“ und „Delrather Straße“ in Worringen (Theodor Bollig war von 1832 - 1835 kommissarisch amtierender Bürgermeister der Bürgermeisterei Worringen) hieß vor der Eingemeindung Worringens nach Köln im Jahr 1922 „Judengasse“ („Jüddejass“), später „Marienstraße“ (Marienstroß). Die Straßenbezeichnung „Judengasse“ bezog sich keineswegs auf dort evtl. wohnende jüdische Mitbürger, sondern vielmehr darauf, dass dort 1878 durch den jüdischen Kaufmann Abraham Emanuel aus Neuss Wohnhäuser angelegt wurden. Die Namensgebung könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, dass jüdische Kaufleute wegen besonderer Schikanen wie z.B. Ortsbetretungsverboten und spezifischer Zollbestimmungen aber auch wegen offener Gewalttätigkeit und Pogromen oft gezwungen waren, bestimmte Landwege zu meiden und abseits der gängigen Wege zu gehen. Für diese Feldwege hatte sich im Sprachgebrauch der Begriff „Judenwege“ eingebürgert.

In der nördlich angrenzenden Bürgermeisterei Dormagen wird ein jüdischer Friedhof zum ersten Mal erwähnt, als sich 1862 die Dormagener Juden beim Gemeinderat wegen Zerstörungen um eine Einfriedung des Geländes bemühten, doch wurde vermutlich erst in den 1880er Jahren eine Mauer um den Friedhof errichtet. Der dort älteste erhaltene Grabstein stammt aus dem Jahr 1869. Die Inschrift lautet: „ Jetche bat David ∞ Josef ben Eljakum.“ Die letzte Beisetzung fand im Jahr 2000 statt, als hier die aus der Deportation zurückgekehrte Irene Dahl ihre letzte Ruhe neben ihrem 1968 gestorbenen Mann, dem Dormagener Metzgermeister Jakob Dahl (* 2), fand.

                                                                                                         

 * 1    Ursprung und Bedeutung des Rufes „Hep-Hep“ sind bisher unklar. „Hep“ soll beispielsweise ein Akronym für „Hierosolyma est perdita“ sein, was so viel wie „Jerusalem ist verloren“ bedeutet. Auch wird in Betracht gezogen, dass es sich um einen Ruf handelt, welcher dazu diente, Zugtiere anzutreiben, um „die Juden“ zu animalisieren und ihnen so jegliche Rechte abzuerkennen.

* 2        Jakob Dahl, geb. 10. Januar 1916, verst. 12. Oktober 1968, deportiert nach Riga 10. Dezember 1941, KZ Theresienstadt, 1945 befreit.

 

Inwieweit jüdisches Leben im 20. Jahrhundert in Worringen existierte, sind noch aufwendige Recherchen durchzuführen. Wer weiß manches hierüber, damit die Worringer Geschichtsschreibung annähernd komplett ist?

 

Literaturquellen

Historisches Archiv Stadt Köln / NS-Dokumentationszentrum Stadt Köln: Ausstellung „Jüdisches Schicksal in Köln 1918 - 1945“, Köln 1989
http://de.wikipedia.org/wiki/Juden

Abbildungsnachweise
Historisches Archiv Stadt Köln (HAStK)

Stadt Pulheim, Kulturabteilung
https://www.kuladig.de/Objektansicht/O-12247-20110615-3

aus privater Sammlung

Bericht: Manfred Schmidt

heimatarchiv-worringen.de/März 2021