Das Ende einer Ära - Als „Tante Emma“ Konkurrenz bekam

 

Früher erfreuten sich die Worringer eines Lebensmittelladens im Stil von „Tante Emma“. Aber leider blieben sie wegen der starken Konkurrenz der Supermärkte und Discounter auf der Strecke, was so manche - besonders die Kinder - sehr bedauerten. In Worringen konnten noch in den 1920er und 1930er Jahren über 20 „Tante Emma-Läden“ gezählt werden, von denen bis heute nur noch das Fischfachgeschäft Langele, seit 1984 an der St.-Tönnis-Str. 21 (ehemals Ochsen- und Schweinemetzgerei Jakob Detmer Anfang des 20. Jahrhunderts, später Metzgerei Jakob Hilden bzw. Josef Hilden), übrig blieb.

                                        

In der Zeit um 1930 befand sich im Gebäude St.-Tönnis-Str. 53 (einst Bergerstraße) der Kolonialwarenladen „Eintracht“ im Verbund der konsumgenossenschaftlichen Bewegung. Die Konsumgenossenschaft war eine besondere Form im Einzelhandel, die in erster Linie Nahrungs- und Genussmittel sowie gleichartige Waren des täglichen Bedarfs beschaffte und verkaufte. Sie wurde auch als “Verbrauchergenossenschaft“ oder als „Konsumverein“ bezeichnet und von Handwerker- und Arbeitervereinen, Vereinigungen (Gewerkschaften) und Genossenschaften oder auch von Sozialreformern aus bürgerlichen Kreisen gegründet mit dem Ziel, die Lebenshaltung durch günstigere Warenversorgung zu verbessern. Anfangs waren die Konsumgenossenschaften darauf beschränkt, ausschließlich an ihre Genossen (Mitglieder) zu verkaufen. Dazu gehörte das eingeführte Prinzip der Rückvergütung. Mit den bekannten Rabattmarkenkarten wurde der Umsatz jedes Mitglieds dokumentiert und entsprechend dem Überschuss des jeweiligen Jahres eine Rückvergütung gezahlt. 1894 schufen die Konsumgenossenschaften eine eigene Großhandelsorganisation, die Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine mbH (GEG). Sie beschränkte sich dabei nicht auf die Großhandelsfunktion, sondern begann 1910 mit der Einrichtung von eigenen Produktionsbetrieben. In der Zeit bis 1933 baute die GEG eine leistungsfähige Eigenproduktion auf, darunter Fleischfabriken, Teigwarenfabrikation, eine Fischwarenfabrik, eine Kaffee-, Kakao und Schokoladenfabrik und noch vieles andere mehr. Die GEG wurde in den 1920er Jahren zum größten deutschen Lebensmittelhandels- und Produktionsunternehmen.

Nach Genehmigung durch die britische Militärregierung erfolgte am 5. Mai 1946 in der Aula der Universität Köln die Gründung der „Konsumgenossenschaft Köln eGmbH“ als einheitliche Organisation im Kölner Raum unter Zusammenschluss der vor 1933 selbständigen Konsumgenossenschaften „Eintracht“ und „Hoffnung“. Der Kolonialwarenladen „Konsum“ befand sich noch bis in die 1950er Jahre im Gebäude St.-Tönnis-Str. 53. Mit dem Vordringen der großen Einzelhandelsfilialisten und Discounter änderte sich das Klima in der Bundesrepublik Deutschland für die Konsumgenossenschaften grundlegend. Im Jahre 1969 geschah die Umfirmierung der Konsumgenossenschaft Köln auf „co op Köln Konsumgenossenschaft eGmbH“. Am 1. Januar 1972 fand die Verschmelzung der co op Unternehmen zur „co op Rheinland“ statt.

                                                                      

„Tante-Emma-Laden“ ist eine in Deutschland gebräuchliche umgangssprachliche Bezeichnung für ein kleines Einzelhandelsgeschäft, das Lebensmittel und weitere Artikel des täglichen Bedarfs anbietet. Bezeichnend ist, dass der Laden oft so klein ist, dass nur eine Person, häufig die Ladenbesitzerin persönlich, eben die „Tante Emma“, dort arbeitet.
Ursprünglich als Anbieter von Lebensmitteln bzw. Kolonialwaren (woher sich auch der lange Zeit noch verwendete Begriff Kolonialwarenladen herleitet), aber auch mit anderen Produkten für den täglichen Bedarf (Haushaltswaren, Textilien, Kurzwaren, Schreibwaren usw.) sorgten sie früher häufig für den lokalen Wirkungskreis der Bevölkerung. Übliche Elemente persönlicher Kundenbindung waren unter anderem Einkauf „auf Anschreiben“, Rabattmarken-Hefte, Gratiszugaben und Warenproben, Hauslieferungen, Reservierungen und Sonderbestellungen auf Kundenwunsch sowie Zusammenstellung von Geschenkkörben. Kinder wurden stets mit einer kleinen Aufmerksamkeit bedacht.

Während der Konsum für Angehörige der oberen Schicht des Bürgertums zum guten Ton gehörte, beschränkte sich der Verbrauch der unteren Gesellschaftsschichten vor allem auf das Notwendigste. Durch die Industrialisierung Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten sich schließlich jedoch die Möglichkeiten der Produktion weiter und immer mehr Erzeugnisse konnten zu niedrigen Kosten hergestellt werden, wodurch auch die Preise sanken. Auch die Löhne der unteren Gesellschaftsschichten stiegen mit der Zeit, wodurch sie wiederum in die Lage versetzt wurden, mehr Geld für Konsumgüter auszugeben. Für den hier erwähnten Zeitraum können wir aber von einer Gesellschaft ausgehen, die Zugang zu einer stetig wachsenden Auswahl von Konsumgütern hatte, die ihrerseits im Gegensatz zu den „mageren“ Kriegsjahren von 1939 bis 1945 stand.

                                                                                                

Das Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 brachte in Deutschland tief greifende Auswirkungen. Im Vergleich zu den Kriegszeiten und den chaotischen Jahren zwischen dem Kriegsende und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland waren die Qualität und Vielfalt in vielen Branchen wieder spürbar gestiegen. Die Mentalität in der Gesellschaft der 1950er Jahre schien durch das Gefühl dominiert zu werden, dass man um seine Jugend bzw. um viele Jahre seines Lebens betrogen worden war. Dies wiederum begünstigte nun die Sucht nach dem Konsum. Man wollte die verlorene Zeit nachholen und sich etwas gönnen, weil man meinte, dass einem dies nach der jüngeren Vergangenheit als eine Art Wiedergutmachung einfach zustand. Primär ging es um die Abdeckung der Grundbedürfnisse. Dies erscheint wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass Ende der 1940er Jahre noch drei Viertel eines Durchschnittseinkommens für Nahrung und Kleidung ausgegeben wurde. Da der rasante wirtschaftliche Aufstieg erst während des weiteren Verlaufs der 1950er Jahre an Fahrt gewann, standen zunächst die Grundbedürfnisse im Vordergrund und nicht etwa ein gesteigertes Verlangen nach Luxus. Das Verhältnis der Deutschen zum Konsum erfuhr jedoch danach einen Wandel. Während zu Beginn der 1950er Jahre der sog. Versorgungskonsum vorherrschte, also eine Konzentration auf den Erwerb der nötigsten Gebrauchsgegenstände, trug das sog. Wirtschaftswunder mit seinem steigenden Wohlstand und der Einführung eines breiteren Warenangebots zur Veränderung des Konsums bei.

Wir, die heute in Worringen und im Umland umfangreich mit Dienstleistungen verschiedener Art versorgt werden, können uns kaum vorstellen, wie kümmerlich hier früher das Angebot war. Es gab einige kleinere Lebensmittelläden. Als selbständige Handwerker arbeiteten im Ort Bäcker, Schuster, Schneider und Schreiner. Der Friseur übte seine Tätigkeit neben der Landwirtschaft aus. Es existierte weiterhin eine Sattlerei und Schmiedebetriebe, die besonders für die Bauern wichtig waren. Natürlich gehörten auch Gaststätten zu Worringen.

                                                                         

Ich habe als kleiner Junge oft gefragt, was denn im Laden aus den Kolonien käme. Ja, Kaffee und einige exotische Gewürze! Kolonialwaren entzifferte ich aber auf dem großen Schild über der Tür. Der Geruch war zwar so mannigfaltig, dass man hätte an fremde, weite Länder denken können. In der Ecke stand ein Senf-Fass mit einer kupfernen Pumpe. Im Regal lagen Schwarz- und Graubrot, morgens auch Brötchen. Daneben standen Holzfässer mit jeweils weißer oder schwarzer Seife, der Tonbottich mit Salz und auf einem Wandbrett die Porzellanschatulle mit Heringen. Rosinen, Muskat und Fencheltee, Graupen und Reis, Mehl und Zucker und viele andere Sachen waren verborgen in rechteckigen Schubladen, die an einem dicken schwarzen Knopf herausgezogen wurden. Die Kunden konnten den Inhalt der Schubladen auf einem eingerahmten Etikett lesen. Unter der Theke lagen Schrubber, Besen und Scheuerlappen. Die meisten Waren mussten abgewogen werden: Mehl, Zucker, Salz, Kaffee. Nur der Kaffee-Ersatz (Muckefuck) und einige Tees gab es in Beuteln. In dem Laden waren fast alle Dinge zu haben, die man alltäglich brauchte, sogar Bier und Wein. In einem Glasfensterkasten mitten im Regal in den großen Schubladen waren Nähgarn, Nadeln, Hornknöpfe, Gummilitzen, Schuhriemen, sogar Küchenmesser und Bleistifte.

Viele Lebensmittelgeschäfte im Stil von „Tante Emma“ blieben - wie bereits erwähnt - wegen der starken Konkurrenz der entstehenden Supermärkte sukzessive auf der Strecke. Mit dem gesetzlichen Verbot der Preisbindung ab 1974 und dem Siegeszug der Discounter war der Niedergang dieser Verkaufskultur endgültig besiegelt. Heute gilt der nostalgische Begriff „Tante-Emma-Laden“ als Synonym für eine (noch) intakte persönliche Beziehung und Dienstleistungsbereitschaft zwischen dem lokalen Händler und seinen Kunden, ganz im Gegensatz zu anonymen Discountern, Kaufhäusern mit Selbstbedienung, Supermärkten, Einkaufszentren, Boutiquen in Einkaufspassagen oder Warenhäusern. Aufgrund der Altersstruktur der Ladenbetreiber ist ein weiterer Rückgang der klassischen „Tante-Emma-Läden“ absehbar. Die zunächst unwirtschaftlichen Geschäfte werden in der Regel nicht sofort aufgegeben, sondern von einem Familienmitglied, meistens der Ehefrau des Inhabers, als Nebenerwerbsbetrieb weitergeführt.

 

Literaturquellen
Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2011 (2010) des „Kreisheimatbund Neuss e.V.“ /
http://de.wikipedia.org/wiki/Tante-Emma-Laden - Konsumgenossenschaft /
Fotos LWL-Freilichtmuseum Hagen - Dauerausstellung Nahrung und Genussmittel, Kolonialwarenladen /
Archivunterlagen des „Heimatarchiv Worringen e.V.“

Manfred Schmidt, September 2015