Fährverbindung und Schiffs-Order-Station „Piwipp“ für die Rheinschifffahrt

Die „Herrlichkeit Worringen“ (*1) gehörte seit 1143 bis zu den territorialen Neuordnungen in Auswirkung der „Französischen Revolution“ im Jahre 1789 zum Kurfürstentum Köln. In „Regesten des Erzstifts Cöln“ (Zusammenstellung von Urkundenauszügen) wird die Übertragung der Worringer Vogtei des Grafen Gerhard IV. von Jülich nach seinem Tod an den Kölner Erzbischof Arnold I. (1137 - 1151) auf das Jahr 1143 datiert. Mit einer Urkunde Kaiser Friedrich I. Barbarossa (geb. um 1123, verst. 1190) vom 14. Juni 1153 bekräftigt dieser auf der Reichsversammlung zu Worms, dass der Kölner Erzbischof Arnold II. von Wied (1151 - 1156) noch als Domprobst (1127 - 1151) von Erzbischof Arnold I. die Vogtei Worringen für 100 Mark erworben habe (*2).
Um 1615 waren im Worringer „Boorbuch“ (Bauernbuch) die Grenzen der „Herrlichkeit Worringen“ angegeben. Diese begannen unterhalb Langel, gingen über die „Breite Laach“ (eine Flur bei Fühlingen), über den Blumenberg, dann bis zum Escher Busch, Sinnersdorf, Hasselrath, zwischen Stommeln und Chorbusch, an Knechtsteden vorbei bis hinter Schloss Arff, dann bis Sasserhof und Jussenhof bei Dormagen, über Dormagen und Rheinfeld in Richtung Baumberger Kirche bis in die Mitte des Rheins.

                                                                                Abb. 2 Landkreis Kln klein

In einer späteren Beschreibung heißt es: „Nachricht - Wohe die Herrligkeit Woringen angehet, und ein Endt hatt.“ Leider existiert kein Datum dieser Beschreibung, doch es gibt eine Urkunde von 1755, die - wie diese Beschreibung - von dem Gerichtsschreiber Pet. Jos. Ningelgen unterschrieben ist. Die Grenze verlief danach vom „Langeler Frasen“ (unterhalb Langel) am Rhein über die „Steinstraße“ (Alte Römerstraße) zur Gerichtsstätte an der „Cöllnische straß“ (Neusser Landstraße), dann weiter bis zum Escher Busch, über den Sinnersdorfer Weg zum „Gohrbusch“ (Chorbusch) bis nach Schloss Arff, von dort (Hackhausen ausklammernd) zum Sasserhof (bei Dormagen), dann nach Osten, um kurz vor dem Rhein nach Norden umzuschlagen und entlang des Flusses bis „Bewitberger Hoff“ (Piwipp“) zu verlaufen. Bis zur Eingemeindung nach Köln am 1. April 1922 - zugleich erlosch die Selbständigkeit der Bürgermeisterei Worringen - blieb das Gebiet unverändert.

                                                                                

1922, als die Bürgermeisterei Worringen auf Betreiben des damaligen Oberbürgermeisters Dr. Konrad Adenauer nach Köln eingemeindet wurde, erhielt die Bürgermeisterei Dormagen einen schmalen Uferstreifen am Rhein, die „Piwipp“, und einen kleinen Geländezipfel in Delhoven. Die anliegende Karte zeigt, wie die Bürgermeisterei Worringen die Bürgermeisterei Dormagen damals durch zwei Ausläufer östlich und westlich umschloss. Der eine Ausläufer ging den Rhein entlang und betraf das Gebiet der „Piwipp“, der andere Ausläufer verlief westlich von Delhoven und Hackenbroich-Hackhausen und enthielt unter anderem den Blechhof und das Forsthaus Chorbusch.

Nach mündlicher Überlieferung soll sich auf dem Gebiet der „Piwipp“ ein Kloster befunden haben. Die Geschichte des Fährbetriebs begann vor mehr als 750 Jahren; die Gründe waren wirtschaftlicher Natur. Es ging um einen möglichst schnellen Austausch von Produkten, um den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen aus dem Linksrheinischen und handwerklichen Produkten aus dem Bergischen Land. 1257 gab es auf der rechten Rheinseite in Monheim eine Zollstation. Daraus lässt sich vermuten, dass damals schon eine Fährstelle existierte. Im Jahr 1374 ließ sich der Fährbetrieb zwischen Monheim und „ahm Wittenberg aufm Cöllnischen“ (*3) urkundlich belegen. Aus dem Wittenberg („beim witten Berg“ = dem weißen Berg) - bestehend aus angeschüttetem Flusssand, der nach Überschwemmungen das Land bedeckte - wurde die „Piwipp“ (*4). 1566 wurde die Fähre von der Monheimer Kirche verpachtet und 1666 gehörte die Piwipper Fähre dem Kloster St. Pantaleon zu Köln. Ab 1809 beförderte der Pächter der „Piwipp“ neben Personen auch Vieh vom linken zum rechten Rheinufer. Seit 1815 gehörte die Piwipp zur Bürgermeisterei Worringen. Mit ihrer Auflösung 1922 kam sie zur Bürgermeisterei Dormagen und wurde ein Teil von Rheinfeld.

Auszug aus den Akten der Bürgermeisterei Worringen

1823 Beschwerden und Rechtsstreitigkeiten über Verletzungen des Fährrechts an der Piwipp

1841 Ermittlung der Einkünfte des Fährmanns Peter van Achten, Piwipp

1844 Erlaubnis zur Überfahrt von großen Tieren, Wagen und Lastfuhrwerk an der Piwipp

30. Juli 1863 Vertrag mit den Fährmännern Theodor und Joseph van Achten, Piwipp

 

                                                                                                                    

1922 übernahm die Familie Siepen das „Ruder“. Wilhelm Siepen kaufte mit dieser historischen Fährverbindung eine florierende Anlage. 1926 begann die Zeit des motorisierten Fährbetriebs und erleichterte die schwere Arbeit. Statt Nachen mit Segeln und von Pferden getreidelten eisernen Schalden (ein breiter Kahn mit flachem Boden) fuhr nunmehr das Fähr-Motorboot „Gunda“. 1928 ging das 34 PS starke Motorschiff „Piwipp“ in Betrieb. Es konnte Fußgänger und Fahrräder aufnehmen und schwankte 40 Jahre auf den Wellen, am Steuer bis ins hohe Alter Wilhelm Siepen (1891 - 1986), stets mit Kapitäns-Mütze und Zigarre. 1968 übergab Wilhelm Siepen die Fähre nach 45 Jahren Fährmannszeit an seinen Sohn Willi (1923 - 1990). Im gleichen Jahr wurde das neue Motorboot „Hol über“ mit 83 PS in Dienst gestellt. 1970 kostete die Rheinüberfahrt 30 Pfennige. Ab 1973 wurde der Fährbetrieb auf die Wochenenden beschränkt und 4 Jahre später stellte man den Fährbetrieb aus wirtschaftlichen Gründen völlig ein, wohl als Folge der neuen Rheinbrücken. Ebenfalls wurde nach mehr als 160 Jahren die Schiffs-Order-Station aufgelöst. Viele Worringer können sich noch gut an die Funktion der „Piwipp“ als Schiffsmeldestelle und Orderstation erinnern. Die stromauf und -ab fahrenden Schiffe mussten mit Namen registriert werden und wurden ihren Reedereien gemeldet. Nachrichten wurden an die Besatzung per Signal oder Megaphone, manchmal auch mit Hilfe des Bootes, schriftlich überbracht. Ohne diese Orderstationen, die am gesamten Rhein ihren Dienst taten, hätten weder die Familien noch die Reedereien gewusst, wo sich das jeweilige Schiff gerade befand.

                                                                              

Im November 1977 machten die Dormagener und Monheimer den Versuch, den Fährbetrieb wiederzubeleben. Kathi Siepen, Tochter von Willi Siepen und bis heute noch auf der Piwipp wohnend, übernahm zeitweise das „Ruder“. Das Fährboot fuhr nur noch an den Wochenenden und schließlich wurde der Betrieb vollständig eingestellt. Zur Wiederbelebung des Fährbetriebs gründete sich 2010 der „Verein Piwipper Böötchen e.V.“. Nach dem Testbetrieb 2012 wurde im Frühjahr 2013 der reguläre Fährbetrieb aufgenommen.
*1 Das Wesen der „Herrlichkeit Worringen“ entstand durch die „Erstreckung des Hofgerichts“ auf dieses Gebiet sowie die „sog. Ausübung der Blutgerichtsbarkeit“.
*2 1143 stirbt Graf Gerhard IV. von Jülich. Mit seinem Tod geht das Vogteirecht über Worringen an den Kölner Erzbischof Arnold I. Von diesem hat der nachfolgende Erzbischof Arnold II., während er noch Domprobst in Köln war, das Vogteirecht für 100 Mark erworben, und zwar so, dass dies von nun an dem jeweiligen Domprobst zustehen solle. Dieser Rechtsakt hat wohl im Jahr 1151 - kurz vor Amtsantritt Arnold II. als Erzbischof - stattgefunden. Die Bekundungen wurden von König Conrad III. (1138 - 1152) bestätigt und 1153 von Kaiser Friedrich I. bekräftigt.
Somit folgt, dass bereits 1143 - und nicht erst 1151 laut bisheriger historischer Hinweise - das Vogteirecht über Worringen übertragen wurde.
*3 Karte von 1749 „Bewitberger Hoff“
*4 Joan Peter Delhoven aus Dormagen nennt die Fährstelle in seiner rheinischen Dorfchronik zunächst stets „Piwit“, „Piwitt“ oder auch „Piwitte“. In einem Eintrag von Januar 1810 findet sich zum ersten Mal die Schreibweise „Piwip“, welches die alten Darstellungen aber keineswegs völlig verdrängte. Bereits im Februar 1810 kehrte Delhoven zu ihnen zurück.

 

Literaturquellen
Dr. Theod. Jos. Lacomblet: „Urkundenbuch - Geschichte des Niederrheins“, Düsseldorf 1840
Eduard Breimann: „Dormagen hat was!“, Dormagen 2011
Personenfotos von Kathi Siepen

Manfred Schmidt, Mai 2015