Versicherungsschutz bei Brandschäden für alle Einwohner der Rheinprovinz - Die Gründung der „Provinzial-Feuer-Societät“

 

 

Schilder der „Provinzial-Feuer-Societät“ wurden herkömmlich an den Gebäuden angebracht, die bei dieser Sozietät versichert waren. Das abgebildete Schild ist aus den 1920er Jahren und befindet sich am Wohngebäude Alte Neusser Landstr. 262 (Nachfolgebau eines 1838 eingestürzten Hauses, ehemals Kleingehöft). Die Unterschrift auf dem dargestellten Versicherungsschein vom 24.10.1898 stammt vom „Director der Rheinischen Provinzial-Feuer-Societät“ Johann Jakob Hermann Seul (* 14.08.1827, + 14.03.1902, Vater war Peter Joseph Seul), nicht zu verwechseln mit Joseph Seul (* 16.10.1865, + unbekannt), Bürgermeister der Bürgermeisterei Worringen vom 01.07.1907 bis 31.03.1922.

              Abb. 3 Provinzial Feuer Societt klein
                                                                   Versicherungsschein 24. Oktober 1898

In den Städten des Mittelalters waren es Zünfte und Gilden, die in Notfällen, also auch nach Brandschäden, gegenseitige Hilfe leisteten, um den Genossen nicht dem Schicksal zu überlassen. In den ländlichen Bereichen gab es - wenn auch nicht überall - regionale, auf Nachbarschaftshilfe ausgerichtete Zusammenschlüsse, die nach einem Brand Hand- und Spanndienste für den Wiederaufbau leisteten, auch mit Materiallieferungen wie Holz, Steine oder Ackerbau-Gerätschaften o. ä. einsprangen. Weit verbreitet waren noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die sog. „Brandbettelbriefe“. Sie wurden vom Magistrat oder Pfarrer (in Gestalt eines Kollektenbriefes) für denjenigen attestiert, der durch einen Brand all sein Hab und Gut verloren hatte, so dass er „am Bettelstab ging“.

Zu Ende des 17. Jahrhunderts versuchte der „Große Kurfürst“ Friedrich Wilhelm (* 1620, + 1688) eine ähnliche Einrichtung in Brandenburg-Preußen zu schaffen wie die 1676 in Hamburg gegründete „General-Feur-CASSA“. Die Bürgermeister und Ratsherren seiner Territorien lehnten jedoch den Plan ab. Mit der von König Friedrich I. von Preußen (* 1657, + 1713) im Jahr 1706 gegründeten „General-Land- und Stadt-Feuerkasse“ fanden sie sich dagegen nach anfänglicher Kritik ab. Schließlich stellten sie sich dazu sogar positiv ein. Damals bestand allerdings für die Untertanen noch die Versicherungspflicht. Es wäre von ihnen zu Anfang auch kaum die Einsicht zu erwarten gewesen, dass ein Feuerversicherungsschutz der Gebäude letzten Endes in ihrem eigenen Interesse lag. Später haben sie das sicher eingesehen.

Am 01.05.1722 bewirkte König Friedrich Wilhelm I. von Preußen (* 1688, + 1740) eine Städte-Feuersozietät für das „Hertzogthumb Cleve und die Graffschafft Marck“ (seit 1614 in brandenburgisch-preußischem Besitz), worauf der Ursprung der „Provinzial-Feuerversicherungs-Anstalt der Rheinprovinz“ zurückgeht. 1767/1768 errichtete König Friedrich II. (* 1712, + 1786) die Landfeuersozietät für das Herzogtum Kleve und die 1702 von Preußen erworbene Grafschaft Moers sowie die Feuersozietät für die Städte und das „platte“ Land des seit 1715 preußischen Teils des Herzogtums Geldern.

                    


Nachdem auf dem Wiener Kongress 1815 Preußen das gesamte linke Rheinufer bis zur Nahemündung und in seinem südlichen Punkt bis Saarbrücken (und somit auch die Bürgermeisterei Worringen nach fast 20jähriger französischer Herrschaft) erhalten hatte, wurde die „Provinzial-Feuer-Societät“ durch Erlass König Friedrich Wilhelm III. von Preußen (* 1770, + 1840) in ihrer heutigen Rechtsform gegründet. Mit Wirkung vom 05.01.1836 wurden sämtliche in der Provinz bisher bestandenen auf Immobiliar-Versicherungen gegen Feuergefahr gerichteten Sozietäten aufgelöst und in die öffentlich-rechtliche „Rheinische Provinzial-Feuer-Societät“ verschmolzen. Sitz der Sozietätsdirektion wurde Koblenz.

Aufgabe der „Provinzial-Feuer-Societät“ war es, allen Einwohnern der Rheinprovinz den Versicherungsschutz bei Brandschäden zu ermöglichen. Dabei handelte es sich nicht um eine Pflichtversicherung. Vielmehr stand die Sozietät von Anfang an in Konkurrenz zu privaten Assekuranzen, hatte allerdings eine Annahmepflicht. In einer Schrift heißt es: „Die Pflicht der Sozietät, jedes auch das schlechteste Gebäude in Versicherung zu nehmen, kann von ihr, als einer öffentlichen Anstalt, die nur dem allgemeinen Besten dienen will und den Schutz gegen Feuersgefahr allen Einsaßen der Provinz zu gewähren hat, nicht aufgegeben werden.“

Zunächst handelte es sich um eine reine Immobilien-Versicherung. Mitte 1863 genehmigte König Wilhelm I. von Preußen (* 1797, + 1888) die Änderungen des Reglements auf die Mobiliar-Versicherung sowie Gestaltung einer freieren Bewegung in der Geschäftsverwaltung. Zur „freieren Bewegung“ zählte u. a., dass die Sozietät nach Bedarf Geschäftsführer einzustellen hatte. Fehlte es bis dato an einem eigenen Vertriebsnetz, baute die Sozietät nun ihren eigenen Außendienst auf. Die Bürgermeister der Städte und Gemeinden vertrieben dessen ungeachtet als Interessenvertreter der Provinzial weiterhin die Gebäudeversicherung, während die Geschäftsführer der Provinzial ausschließlich Mobiliar-Versicherungsverträge abschließen durften.

Zu den ersten für die Versicherten spürbaren Neuerungen zählte ein Nachtrag zum Reglement vom 20.11.1874. Künftig fiel die Verpflichtung weg, Brandentschädigungsgelder ausschließlich zum Wiederaufbau abgebrannter Gebäude nutzen zu dürfen. Den privaten Versicherungsgesellschaften war damit ein werbewirksames Argument gegen einen Abschluss bei der „Provinzial-Feuer-Societät“ genommen. Weiterhin wurden auch die Bedingungen für die Mobiliar-Versicherungen neu gefasst. Die Sozietät führte eine neue Gebäude-Klassifikation ein.

                            

                                                                                      Versicherungsschein 5. August 1875

Als für die Zukunft bedeutsam erwies sich die Eingabe des Provinzial-Landtages vom 03.04.1875 an den König, die Übersiedlung der Versicherung von Koblenz nach Düsseldorf zu genehmigen, was „mittels Allerhöchster Ordre vom 10.05.1875“ erfolgte. Neben den politisch-verwaltungstechnischen Gründen spielten auch praktische Überlegungen bei der Entscheidung eine Rolle. Für die folgenden Jahre sollte die Versicherung dort ihre Zentrale haben.

Wirtschaftlich nahm die Sozietät in den 1890er Jahren eine positive Entwicklung. Die Zahl der Versicherten stieg kontinuierlich von Jahr zu Jahr. 1874 waren es rund 390.000, zehn Jahre später bereits 455.000, 1901 war die Zahl auf 550.000 gestiegen. Die Sozietät baute darauf auf und erschloss ab 1903 unter dem Namen „Provinzial-Feuer-Versicherungs-Anstalt der Rheinprovinz“ neue Geschäftsfelder und Versicherungszweige.

Mit „einem Direktor, einem Inspektor und einem Rendanten nebst den noch benöthigten Bureau-Beamten und -Dienern“ begann die Sozietäts-Direktion am 31.03.1836 in Koblenz ihren Geschäftsbetrieb.
Die Brandkataster der Sozietät enthielten alle „zur Versicherung angemeldeten Häuser, Höfe und Kathen“ mit Benennung ihrer Lage, ihres Verwendungszwecks, des taxierten Wertes und der Namen ihrer „Eigner“. Sie wurden ursprünglich auf den Bürgermeisterämtern geführt und waren nach Ortschaften, Straßen und Hausnummern geordnet. Dieser kommunalen Gliederung war die innere und äußere Organisation der Sozietät angepasst. Über einen länglichen Zeitraum hatte der Bürgermeister den Versicherten die Anmeldung ihrer Gebäude zur Feuerversicherung durch ein „Versicherungsattest“ bescheinigt. Es war mit dem „Quittungsbuch“ für den zu Beginn jeden Jahres zu entrichtenden Beitrag verbunden. Während sich aus dem Versicherungsattest die Versicherungspolice entwickelte, traten an die Stelle des Quittungsbuches die Beitragsrechnungen.

                                                                    

                  Versicherungsschein 20. Juli 1940      Unterzeichner Bruder von Josef Goebbels (Reichspropagandaleiter)

 

Die Bürgermeister der Bürgermeisterei Worringen waren

1835 bis 1866 Heinrich W. J. Bender (* 1796, + 1883),
1866 bis 1906 Johann Matthias Norbert Bender (*1839, + 1916),
1907 bis 1922 Joseph Seul (* 1865, + nicht bekannt).

Auszug aus den Protokollen des Gemeinderates für Worringen
23. März 1895
„Der Gemeinderat beschließt nach Kenntnisnahme eines Schreibens des Direktors der Rheinischen Feuer-Societät, die Versicherungsbeiträge durch einen Gemeindebeamten erheben zu lassen; er genehmigt, daß der Gemeindesekretär Welling die Beiträge erhebt.“

30. April 1914
„Der Gemeinderat genehmigt die pensionsfähige Anrechnung der Bezüge des Bürgermeisters als Geschäftsführer der Provinzial-Feuerversicherung; er beschließt Zahlung der Kassenbeiträge aus der Gemeindekasse.“

Die Rheinische Provinzial hatte stets Wert auf einen persönlich qualifizierten Außendienst gelegt, der im Laufe der Jahre den neuzeitlichen Bedürfnissen entsprechend immer weiter ausgebaut und verdichtet wurde. Grundlage war und ist die bewährte Geschäftsführer-Organisation. Die hauptberuflichen Geschäftsführer besitzen repräsentative, mit Leuchtwerbeanlagen ausgestattete Geschäftsstellen.

                                                   

Seit den 1930er Jahren ist die Provinzial-Versicherung für die Region Worringen mit einer Geschäftsstelle zunächst in Köln-Worringen, nachfolgend in Köln-Fühlingen tätig. Durch das starke Anwachsen der Ortschaften war es jedoch erforderlich, eine weitere Geschäftsstelle in Köln-Worringen zu eröffnen, die ab 1. Januar 1982 von Geschäftsstellenleiter Horst Domnik geführt wurde, seit 1. Februar 2003 wird sie von Udo Menzel geleitet.

Dem Heimatarchiv liegen mehrere für Worringer Gebäude ausgestellte Versicherungsscheine der Provinzial-Feuer- und Lebensversicherungsanstalt - Geschäftsstelle Worringen bzw. Fühlingen seit 1930 vor. Geschäftsstellenleiter waren in dem Zeitraum

1930 - 1938 Johannes Welling, Köln-Worringen, St.-Tönnis-Str. 89

1939 - 1948 Paul Zaun, Köln-Fühlingen, Neusser Landstr. 136

1953 - 1963 Peter Esser, Köln-Fühlingen, Neusser Landstr. 136

1972 Paul Esser, Köln-Fühlingen, Neusser Landstr. 136

1973 - 1974 Paul Esser, Köln-Worringen, St.-Tönnis-Str. 45

1976 Paul Esser, Köln-Fühlingen, Neusser Landstr. 97

1981 Paul Esser, Köln-Fühlingen, Neusser Landstr. 31

1982 - 2002 Horst Domnik, Köln-Worringen, Hackenbroicher Str. 111

seit 2003 Udo Menzel, Köln-Worringen, Hackenbroicher Str. 111.

Die Provinzial-Versicherung führt noch heute den preußischen Adler im Wappen; sie hat das Ende Preußens im Jahre 1945 überdauert. Macht sie das zu einem Stück vom „Erbe Preußens“? Von nützlicher Kontinuität einer nach wie vor sinnvollen Institution mag man immerhin sprechen.

Manfred Schmidt, Mai 2016

Literaturquellen

Jubiläumsausgaben der Provinzial-Feuerversicherungsanstalt der Rheinprovinz 1965, 1972, 1987 und 2011/
Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2008 (2007) des „Kreisheimatbund Neuss e.V.“/