„ … streitiger jagd Limiten in dem so genandten Gohrbusch …“

Im Jahre 1874 fertigte der Geometer Fr. Toll sen. eine farbige Handzeichnung von Worringen. Die dem Heimatarchiv vorliegende Jagdkarte der Bürgermeisterei Worringen in Kopie (84 x 82 cm) bietet einige historisch interessante Aspekte, da es sich um eine sachliche und präzise Kartenaufnahme handelt, die schon nicht mehr die verspielten spätbarocken Verzierungselemente zeigt, wie sie noch wenige Dekaden zuvor üblich waren. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Vermessungsarbeiten im Feld bereits im Vorjahr durchgeführt wurden. Sicherlich waren dem Geometer geeignete Arbeitsräume und Unterkünfte für sich und seinen Mitarbeitern in Worringen zur Verfügung gestellt worden. Anlass der Kartenaufnahme waren langwierige Grenzstreitigkeiten zwischen dem Kölner Erzbischof und Kurfürsten als Landesherr und dem Kölner Domkapitel; letztgenannte Institution war der Auftraggeber der Topografie.

                  

Die Kartenaufnahme entstand mit fachlicher Hilfe durch den „hohen Dom Capitularischen jageren“ Josephus Wirz und wurde vor Ort durch den Worringer Schultheiß Dr. Johann Kaspar Mappius unterstützt. Gestritten wurde über den Verlauf der Jagdgrenze im „Gohrbusch“. Demzufolge steht im Fokus des Planes und etwa bildmittig die Darstellung dieses umstrittenen Distrikts. Die Karte ist ungefähr geostet, der Maßstab 1:20.000 ist in „Ruthen“ (*) wiedergegeben; eine Erläuterung in einer schlichten Kartusche erläutert das Kartenblatt.

Der Text lautet u.a.:
„ 2. Die Grenzen der Fluren sind durch punctierte Linien markiert …“
Gestritten wurde um Jagdrechte im Bereich der verzeichneten vor Ort gesetzten Grenzsteine.

Karten vom Beginn des 19. Jahrhunderts zeigen, dass der Chorbusch (einst „Gohrbusch“, „Goir-Busch“ oder auch Woringer-Busch genannt) zu dieser Zeit eine viel größere Ausdehnung auswies. Das Worringer Bruch (Woringer Broch, ein Teil als Eller Broch bezeichnet) gehörte ebenfalls dazu.
Abgesehen von sporadischen illegalen Holzentnahmen und Schadfeuern, die urkundlich überliefert sind, hatten ebenfalls gewaltige Abholzungen zu einer tief greifenden Veränderung der Landschaft geführt. Das geschlagene Holz hatte neben der Torfentnahme im Worringer Bruch als Brennmaterial der Worringer Dachziegeleibetriebe gedient, deren Blüte mit der Phase der größten Waldzerstörung zusammenfiel.

Der „Gohrbusch“ war auch noch in der frühen Neuzeit ein idealer Lebensraum für Nieder-, seltener Hochwild; die Rheinauen dagegen boten ein reichhaltiges Nahrungsangebot für Wasserwild und Fischreiher. Die Jagd in jener Zeit war ein Privileg des Adels; sie diente unter anderem der Demonstration der Macht, aber auch der Erholung und Zerstreuung. Insbesondere Clemens August (1700 - 1761), seit 1723 Erzbischof von Köln und damit gleichzeitig Kurfürst des zugehörigen Erzstifts, war ein passionierter Jäger. Besonders der Beizjagd, also der Jagd mit Greifen, galt seine große Leidenschaft. Auch für weitere Aufenthalte in den folgenden Jahren - insbesondere auch zur Falkenjagd auf Reiher - gibt es zeitgenössische Belege. Möglicherweise stammen die Streitigkeiten um die Grenzen der Jagdbezirke, die zur Anfertigung der hier zu behandelnden farbigen Handzeichnung dreizehn Jahre nach dem Tod des Kurfürsten und letztlich potentiell auch zu einer Klärung dieses Problems führten, aus dieser Zeit.

                  Auch wenn die historischen Limitsteine - ganz gleich ob es früher sog. Marksteine, Bannsteine oder Gütersteine waren - im 21. Jahrhundert keinen „Wert“ mehr haben, so sind sie doch Symbole des Fortschritts ihrer Zeit und sollten als erhaltenswerte Objekte unter Denkmalschutz gestellt werden. Als sog. Kleindenkmale prägen die Grenzsteine sogar heute noch unsere Kulturlandschaft. Im ehemaligen ausgedehnten „Gohrbusch“ blieben solche verborgenen Schätze bisher beispiellos erhalten (siehe hierzu die Abbildung eines T P-Pfeilers - Trigonometer - an einem Feldweg im Worringer Bruch vermutlich aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts). Das Heimatarchiv wird diesbezüglich das Amt für Denkmalschutz der Stadt Köln ansprechen, ihre Aufnahme in die Denkmaltopografie (Denkmalbuch) zu prüfen.

* Die „Ruthe“ (Rute) ist sowohl eine alte Längenmaßeinheit als auch ein traditionelles
Messgerät der Längenmessung. Das Rutenmaß kam vor allem in der Landvermessung im 19. Jahrhundert zur Anwendung. Verschiedene Länder benutzten als Rute fast 20 unter-schiedliche Längenmaße zwischen 3 m und 9 m, überwiegend aber von 3,6 m bis 5 m. Im preußisch rheinländischen Herrschaftsgebiet war 1 Ruthe 12 Fuß = 3,77 m, 1 Fuß = 31,4 cm.
1 Morgen in der Herrlichkeit Worringen hatte 150 Quadratruthen = 3.176,61 m²,
1 Quadratruthe = 21,18 m².
Noch heute ist in angloamerikanischen Ländern das „rod“, die englische Rute, im Einsatz, die auch „pole“ oder „perch“ genannt wird.

Literaturquellen

Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2012 (2011) des „Kreisheimatbund Neuss e.V.“

Manfred Schmidt, Januar 2015