Worringen um 1825 (Teil 2)

Dokumentation einer medizinischen Topografie der Bürgermeisterei Worringen von Dr. Carl Anton Werres, in seiner Funktion als Kreisphysikus für die ansässigen Behörden des Landkreises Köln:

„Der Boden der Bürgermeisterey Worringen ist durchweg eben und sandig, hinsichtlich der Fruchtbarkeit des Bodengrunds mittelmäßig, die Erzeugnisse sind Roggen und Haber (* 1). Da die Bürgermeisterey den Rhein an der Ostseite zur Gränze hat, so leidet sie öfters an Überschwemmungen. Es ist aber hier ein beträchtlicher Damm. Mehrere Teiche und Sümpfe, welche einem Bach das Entstehen geben, mehren beym Anschwellen des Rheines die Überschwemmungen.“
                                                                                      

„Die physische Konstitution der Bewohner, deren Körper nicht durch Ausschweifungen und Luxus entnervt sind, die sich vielmehr mit der gesundesten Beschäftigung durchweg abgeben, ist bey einer unverdorbenen und einfachen Lebensart derb und dauerhaft.“

Nach dem Urteil des Physikus zeichnete sich der Landkreis Köln als eine der „kultivirtesten Parthien am Rheine“, der mit Ausnahme der „Städte“ Deutz, Brühl und Worringen sehr ländlich geprägt war. In der Bürgermeisterei Worringen waren Ackerbau und Fischerei (angesichts der Rheinnähe) die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung. Die Anzahl der Gewerbetreibenden wurde mit 30 angeführt. In Worringen gab es u.a. Metzger, Bäcker, Müller, Handwerker (wie Hufschmiede, Schlosser, Sattler, Schreiner, Korbmacher, Schneider und Schuster), Schiffer und Lotsen sowie Schankwirte (auch Brauer und Brenner). Das politische und gesellschaftliche Leben war zur Stadtgemeinde Köln orientiert. Die Kölner zeichneten sich durch „eine gefällige Lebensart, Geschmack, Temperament und ein ungezwungenes Verhalten mit einem offenen Herzen“ vorteilhaft aus. Diese Eigenart nahm man auch in Worringen wahr. Die Bewohner Worringens waren allerdings durch ihre unverdorbene, anspruchslose und derbe Lebensart nicht so gebildet. Doch fehlte es hier nicht an Klugheit und Einfühlungsvermögen. Man betrieb den Handel mit Einsicht, Rechtschaffenheit, Gutmütigkeit und Offenheit.
                                                                                       

Auffallend war der Gegensatz zwischen Wohlhabenden und Mittellosen. Die Bürgermeisterei Worringen hatte insgesamt 3.079 Einwohner, die Zahl der ärmlichen Einwohner betrug 430, davon lebten 200 in Worringen. Es gab auch einige Wohlhabende, die meisten Einwohner waren dagegen bescheiden. Nach den Kriegsjahren (1812 - 1815) kam es 1816/17 zu schweren Hungersnöten. Durch die lange Auseinandersetzung fehlten in der Landwirtschaft Arbeitskräfte. Die Bauern hatten kein Geld, um ihre Viehbestände aufzustocken und damit auch eine ausreichende Düngung ihrer Böden sicherzustellen. Umso härter traf sie das ungewöhnlich wechselnde Klima des Jahres 1816 mit sommerlichen Temperaturen im Februar, Schnee und unaufhörlichen Regengüssen im Frühjahr und einem sehr kalten Sommer. Die gesamte Ernte wurde vernichtet. Die Preise für Roggen und Weizen stiegen ins Astronomische, die „Erdäpfel“ (* 2) waren schlecht oder erfroren. 1822 folgte eine weitere schlechte Ernte, die Nahrungsmittelpreise stiegen erneut, worauf im gesamten Landkreis Köln Armenkommissionen eingesetzt wurden. Die beträchtlichen Steuerlasten führten in Verbindung mit den Missernten des Weiteren zu einer steigenden Verarmung der Bevölkerung.
Um 1825 war der Kölner Armenarzt Dr. Friedrich Sartorius (1781 - 1851) zuständiger Arzt für die Bürgermeisterei Worringen (* 3) , eine örtliche Apotheke (* 4) war zu dieser Zeit noch nicht vorhanden. Die Arzneien für die Mittellosen wurden durch eine Apotheke in Köln auf Rechnung der „Armenkasse“ erteilt. Zentrum der medizinischen Versorgung für den Landkreises Köln war ein kleines Hospital in Brühl (* 5). Die fehlende Apotheke hatte die Eigenbehandlung mit volkstümlichen Heilmitteln zur Folge. Bei Unpässlichkeiten war Fliedermus mit Bier aufgekocht eines der gebräuchlichsten Hausmittel, bei Magenbeschwerden Branntwein mit Pfeffer, bei Geschwülsten geschabte Kreide mit Branntwein als Umschlag, bei rheumatischen Beschwerden schwarze Seife mit Salz als Umschlag. Ein anerkannter „Mediziner“ musste um 1807 in Thenhoven Heilkünste verrichtet haben. Im Sterbebuch der Pfarrei Worringen stand folgender Vermerk: „In der achten Abendstunde (7. Juli) starb plötzlich Heinrich Cremer aus Lützenkirchen im Herzogtum Berg, der sich im dritten Monat in Thenhoven bei seinem Bruder aufhielt um durch die Fürsorge von Martin Gutnick seine schweren Wunden zu heilen.“

Positiv hatte sich der Einsatz von ausgebildeten Hebammen entwickelt (* 6). Seit August 1802 war Hebamme für die Bürgermeisterei Worringen (ohne Merkenich) und die Orte Esch und Pesch der Bürgermeisterei Stommeln Sybilla Schneiders, geb. Schwaben (* 7), um 1825 Armenhebamme Gertrud Desclo. Laut Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Köln wurde die Hebammenschülerin Gertrud Desclo 1822 als ausübende Hebamme für Worringen ernannt. Sie hatte „recht gute Kenntnisse“ in der Entbindungskunst bei ihrer Prüfung an den Tag gelegt. Ein Jahr später wurde sie zur „Distriktshebamme“ für Worringen ernannt. Gertrud Desclo, uneheliche Tochter des Franzosen Peter Desclo und der Anna Maria Wickerath, wurde am 1. Februar 1826 mit Johann Sand getraut. Durch die fachkundige Hilfe der Hebammen überlebten viele Neugeborene, damit erhöhte sich sprunghaft die Anzahl der Einwohner:
Jahre Neugeborene Tote
1816 - 1825 688 418
1826 - 1835 762 527
1836 - 1845 1.085 701
1846 - 1855 1.044 736
1856 - 1864 991 562

Worringen war um 1800 ausnahmslos katholisch. 1787 wurde für die Worringer Pfarrgemeinde St. Pankratius (* 8) Matthias Franz Joseph Aloys Desant als Pastor ernannt, der an die 40 Jahre in Worringen wirken sollte. Er verstarb am 5. April 1827. An dessen Stelle folgten Johann Wilhelm Joseph Hermanns und ab 1845 bis 1874 Peter Joseph Elkemann.

* 1 Hafer
* 2 Kartoffeln
* 3 Auszüge aus den Protokollen des Gemeinderates für Worringen:
7. Februar 1848 „Der Gemeinderat lehnt den Antrag des Dr. Peter Herbertz, Worringen, betr. Erhöhung des jährlichen Gehalts für die Armenpraxis von 60 T auf 100 T ab und beschließt für den Fall, dass Dr. Herbertz die Armenpraxis niederlegt, mit einem benachbarten Arzt ein Vertrag abzuschließen oder die Niederlassung eines weiteren Arztes mit Übertragung der Armenpraxis zu veranlassen.“
11. Juni 1878 „Der Gemeinderat beschließt ... dem Vikar Hausmanns, Worringen, auf dessen Antrag und auf Erklärung des Gemeindevertreters Dr. Caspar Friedrichs ... .“
30. Mai 1884 „Der Gemeinderat bewilligt dem Armenarzt Dr. Caspar Friedrichs auf die Dauer von 10 Jahren ein Gehalt von 600 M unter der Bedingung, dass er in Worringen ... jährliche Impfungen vornimmt, deren Vergütung neben dem Gehalt in üblicher Weise erfolgt.“
Auszüge aus den Akten der Bürgermeisterei Worringen:
1866 „Bekämpfung der Cholera - Fehlen eines ortsansässigen Arztes“
1897 - 1900 “Verleihung des Titels „Sanitätsrat“ an den Arzt Dr. Caspar Friedrichs, Worringen.“
1891 „Auseinandersetzung des Arztes Dr. Caspar Friedrichs mit der Ortskrankenkasse über die Zulassung als Kassenarzt und gegen die einseitige Bevorzugung des Arztes Dr. Klosterhalfen.“
1911 „Wegzug des Arztes Dr. Caspar Friedrichs nach Köln.“
* 4 Am 3. Februar 1921 wurde vom Worringer Gemeinderat die Eingemeindung der Bürgermeisterei Worringen in die Stadt Köln beschlossen. Nach § III, Ziffer 9. des Eingemeindungsvertrages war die Stadt Köln vorstehend verpflichtet worden, ihren ganzen Einfluss darin geltend zu machen, dass Worringen eine eigene Apotheke erhält. Der Apotheker Karl Strey eröffnete 1928 am Hackhauser Weg 44 die erste „Worringer Apotheke“. 1958 übernahm Werner Regel die Apotheke, die er zwei Jahre später zur St.-Tönnis-Str. 26 in die Räumlichkeiten der ehemaligen Gaststätte „Möllm“ verlegte. Bis zur Eröffnung der ersten Apotheke holten sich die Worringer ihre Medikamente in der „Apotheke zu Dormagen“ (später „Göbel´sche Apotheke“, „Wegmannsche Löwenapotheke“, „Löwen-Apotheke“). Um die Beschaffung zu bündeln, übernahmen Franziska und Anna Maria Könen (später verheiratete Irps), bei den alteingesessenen Worringern Fränz und Ännchen „KROHNE“ genannt, den mühseligen Fußweg zur dortigen Apotheke. Dafür erhielten sie einen geringfügigen Beitrag.
* 5 Im Jahr 1889 entstand das Worringer Krankenhaus an der St.-Tönnis-Straße. Laut Stiftungsurkunde vom 16. Oktober 1888 wurde das Krankenhaus als neu errichtetes Gebäude samt Grundstück der Bürgermeisterei Worringen mit der Auflage gestiftet, es stets „zum Zwecke der Aufnahme von armen und alten Kranken und deren Pflege“ zu nutzen. Stifterinnen waren Adelheid Cremerius vom Bergerhof in Worringen und Catharina Cremerius vom Nierenhof zu Holzheim / Neuss. Kranken- und Armenpflege wurden seit 1890 von den Franziskanerinnen des St.-Marien-Hauses in Waldbreitbach geleistet. Am 19. November 1896 erfolgte durch Pfarrer Mathias Schaefer die Einsegnung der im Elisabeth-Krankenhaus eingerichteten und von den Schwestern geleiteten „Kinderbewahr- und Nähschule“.
* 6/7 Notizen im “Mischbuch“ über Sterbeeintragungen, Tauf- und Heiratsvermerke der
Pfarrei Worringen:
„Am 24. August bei der Niederkunft der Margarita Simons hat die neue Hebamme, Witwe Schneiders, geborene Sybilla Schwaben aus Siegburg, zu Köln in der Hebammenkunst ausgebildet, examiniert, approbiert, hier den ersten Akt ihrer Kunst und Arbeit ausgeübt, richtig und glücklich.“
“Frau Schneiders musste ganz schön ran: 72 Kinder wurden 1802 in Worringen geboren. Die Hebamme war auch als kirchliche Mitarbeiterin von höchster Bedeutung.“
“Gestorben ist am 26. Oktober (1809) Gertrud Schwartz, Witwe des Heinrich Gierlich, bis August 1809 Hebamme, eine Frau von hohem Alter.“
“Am 5. Juni 1823 musste „Doctor Kauhlen“ (der erste namentlich genannte „Worringer Arzt“) sein „testimonium mortis“ für Sybilla Schneiders abgeben.“
Laut der „Rheinischen Dorfchronik“, Dormagen 1926, stammt „Doctor Kauhlen“ von Zons.
Tagebuch des J. Peter Delhoven aus Dormagen vom 3. Februar 1821:
„ ... Da kamen die Doctoren Kauhlen und Chyrurg Lindgens von Zons und verbanden ihn.“
* 8 Die Pfarrgemeinde St. Pankratius umfasste die Orte Worringen, Roggendorf und Thenhoven. Die Einwohner von Rogendorf und Thenhoven mussten sommers wie winters den beschwerlichen Kirchweg bis Worringen machen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Bestrebungen der Einwohner immer drängender, eine eigene Pfarrei zu werden. Nach der Pfarrchronik war der Grundstein der Kirche St. Johann Baptist am 9. August 1864 gelegt worden, vollendet wurde der Bau Anfang November 1866, der Turm 1892. Bis 1887 war die Pfarrei eine sog. Rektoratsgemeinde, der Pfarrrektor durfte lediglich täglich eine heilige Messe lesen und des Sonntagsnachmittags eine Andacht halten. Am 9. Oktober 1887 erfolgte die Erhebung zur selbständigen Pfarrgemeinde.

 

Manfred Schmidt, April 2013

Abbildungen Heimatarchiv Worringen