Silvester – Erinnerungen aus der „guten, alten Zeit“

 

In seinem Buch „Weeß do noch, wie dozomol...?“ berichtet Toni Jägers u. a. über Silvester-Erinnerungen aus der „guten, alten Zeit“. Hier setzt  Toni Jägers offensichtlich Erlebnisse aus einer Worringer Bäckerfamilie aus der Zeit um 1900 um. Das nachstehend  beschriebene  Brauchtum wurde nach der Eingemeindung (1922) von der Stadt Kölnuntersagt. Der  Übergang ins neue Jahr wurde kaum in  Wirtschaften, sondern überwiegend in den Backstuben der örtlichen Bäckereien  begangen. Eine Lotterie, deren  Gewinn eine Brezel war, zog die Bevölkerung dort hin. Damit genügend Platz vorhanden war, wurden Backstube und Hausgang mit Tischen und Stühlen, die teilweise bei der Nachbarschaft ausgeliehen wurden, bestückt. Lange vor dem Ereignis wurden unter Mithilfe der Kinder ganze Berge von den begehrten Brezeln gebacken. Bevor man sich zu diesem Spektakel aufmachte, besuchte Jung und Alt zunächst in der Kirche die Schlussandacht (Beschloß). Wenn das nötige Geld für die Teilnahme an der Lotterie fehlte, wurde auch schon mal eine Ziege verkauft. Der Einsatz kostete zwei Pfennige. Innerhalb von kurzer Zeit waren alle Sitzplätze besetzt, selbst auf der Treppe zur „Läuv“  fand man keinen freien  Platz mehr. Die Lotterie sah vor, dass ein Teilnehmer  pro Spielrunde fünf Gewinnlose (Schröm)  auf sich vereinigen musste. Oft erhielt der Gewinner in einer Spielrunde einen großen  Wäschekorb voller Brezeln. Die Verlosung hatte nicht nur einen spannenden, sondern auch einen  humorvollen Verlauf, weil die  Gewinner unter  Nennung  ihrer Spitznamen ausgerufen wurden.  Beispielweise : Nr. 14  „Schwets Möhn“, Nr. 77 „Dubbelde Jüd“ oder Nr. 84 „Büggels Schomächer“.
Punkt zwölf Uhr wünschte man sich ein „Jlöcksillich Neujohr“, denn das neumodische „Prosit Neujohr“ war noch wenig bekannt. Die Lotterie wurde fortgeführt bis alle Brezelnverteilt waren. Dann ging es nach Hause. Die Gewinner mit ihren Brezeln und die anderen in der Hoffnung, das neue Jahr möchte ihnen mehr Glück und Segen bringen wie das Alte.


 

Ihr Hans-Josef Heinz


Foto:Heimatarchiv Worringen e.V.