Wussten Sie schon … ?

Als Worringen in Frankreich lag - Umbrüche und Reformen in napoleonischer Zeit (Teil I)

Am 9. März 1801 wurde das sog. Roer-Departement dem französischen Reich einverleibt, die Amtssprache war französisch und die Worringer waren auf einmal Franzosen.                                               Fotos zum Vergrößern!

Die „Herrlichkeit Worringen“ gehörte seit 1151 bis zu den territorialen Neuordnungen in Auswirkung der „Französischen Revolution“ im Jahre 1789 zum Kurfürstentum (Erzstift) Köln. Mit dem Einmarsch der Franzosen und der Kriegserklärung der deutschen Reichstruppen, Preußen und Österreichern war das Kurfürstentum bereits ab 1757 ständig Durchzugsgebiet mit massiven Belastungen für die Bevölkerung. Die häufigen Truppenbewegungen verursachten zwangsweise viele Einquartierungen, Vorspanndienste und Plünderungen, worunter auch der Ort Worringen sehr zu leiden hatte. Dieses schlug sich insbesondere in Anträgen auf Pachtminderung, Steuerstundung oder Kredite nieder, hervorgerufen durch mannigfaltige Kriegssteuern. Die Requisitionen wurden von den Franzosen überwiegend mit Papiergeld - den sog. Assignaten – bezahlt, die sich später häufig als wertlos erwiesen.


                                        


Als die Franzosen Anfang Oktober 1794 das „Rheinland“ (Neuss, Köln und Bonn) besetzten und die Parolen „Liberté, Egalité, Fraternité“ (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) verbreiteten, war den Bürgern noch nicht bewusst, welche Umwälzungen diese in ihrem täglichen Leben herbeiführen würden. Mit dem Frieden von Lunéville im Jahre 1801 wurde formell der Besatzungsstatus beendet. Die Rheinlande waren von nun an französisches Staatsgebiet, zunächst in der Republik (1799 - 1804) und anschließend im Kaiserreich (1804 - 1815) unter Napoleon Bonaparte.
Nachdem der Revolutionsgeneral Jean-Baptiste Jourdan die Österreicher 1794 bei Köln über den Rhein zurückgeworfen hatte, wehte auch bald in Worringen auf dem Markt am Freiheitsbaum die Trikolore. Der sog. Freiheitsbaum, mit bunten Fahnen behängt und von einer Jakobinermütze gekrönt, wurde auch in Worringen als revolutionäres Symbol der Freiheit gepflanzt.
Die Bewohner sollten jedoch sehr schnell erfahren, wie berechtigt das Sprichwort war: „Unterm Krummstab ist gut wohnen“. Unter der Trikolore begann eine Zeit der Drangsale für die heimische Bevölkerung. Die Übertragung der Heereskosten auf die besetzten Gebiete erzeugte ein System schamloser Ausbeutung, das die Bewohner wirtschaftlich niederdrückte. Nicht nur die tatsächlich vorhandene Bedürfnisse des Militärs wurden durch die Ausschreibung hoher Kontributionen gedeckt, daneben ließen es sich auch noch die Generale und Kommissare der Republik angebracht sein, ihre eigenen Taschen auf Kosten der wehrlosen Bürger und Bauern zu füllen. Diese Ausbeutung verstellte daher oft sehr schnell den Blick auf die umfassenden positiven Veränderungen, die der rückständigen und bis dahin in viele Kleinterritorien zersplitterten Region letztendlich den Weg in die Moderne öffnete, so dass die rheinischen Gebiete nach 1815 „sozial gesehen dem restlichen Deutschland weit voraus“ waren (nach Beurteilung des deutschen Historikers und Hochschullehrers Thomas Nipperdey).


                                                                            


Anfang September 1804 brach Napoleon mit Abteilungen der Garde, Gendarmen und Generälen von Aachen auf (das kurze Zeit einen der bedeutendsten Revolutionsführer, Georges Danton, in seinen Mauern gesehen hatte), um persönlich u. a. die Rheinregulierung zwischen Dormagen und Worringen zu inspizieren. Am 13. September kam er auch durch die Orte Worringen und Fühlingen.
Joan Peter Delhoven aus Dormagen (1766 - 1824) - Landwirt, stellvertretender Küster, Handelsmann und Chronist - hat in seinen Aufzeichnungen „Die Rheinische Dorfchronik“ folgendes vermerkt: „1804, 9. September - … Als der Kayser am Rhein die Krippen-Arbeit sah, stieg er aus dem Wagen, schickte einen Mameluk (französische Kaisergarde Napoleons), der den Maier von Dormagen zurück rief, mit dem der Kayser sich lange unterhielt; er fragte, wo das Holz hergenommen würde, ob die Enteprenneurs (Gründer und Inhaber von Unternehmen) ihre Schuldigkeit thäten, ob die Arbeit gut wäre, und lange dauern könnte, welche Arten von Frucht hier gezogen würden. Auch stand beym Vorbeifahren der Pfarrer (Math. Franz Jos. Aloys Desant, verst. 5. April 1827) mit 2 Vicaren am Eingang des Kirchhofes (St. Pankratius an der Alte Neusser Landstraße) und reichten unter dem Geläute der Glocken und Lösung der Böller dem Kayser das Weihwasser. Des Abends und die folgende Nacht war Ball im Posthause.“ Es wird Napoleon nachgesagt, er sei im Gasthaus Fühlingen (der Gasthof stammt aus dem Jahr 1752) an der Neusser Landstraße eingekehrt.
                                                                             

Staatliche und kommunale Verwaltung

Spuren der französischen Zeit finden sich nicht nur im Landschaftsbild, sondern auch in der Verwaltung. Am 23. Januar 1798 begann die Durchführung einer umfangreichen Verwaltungsreform, die die bisherigen Verwaltungsreformen im Rheinland derart tiefgreifend revolutionierte, dass an eine Rücknahme dieser Reform nach Ende der französischen Herrschaft 1814 nicht zu denken war. An diesem Tag wurden aus 150 verschiedenen Herrschaften auf dem linken Rheinufer ohne Rücksichtnahme auf historische Grenzen nach französischem Vorbild vier Departements gebildet. Das Kölner Gebiet kam zum Roer-Departement, Worringen wurde eine französische „Mairie“ (Bürgermeisterei) und gehörte zum Kanton Dormagen sowie Arrondissement de Cologne (Verwaltungsbezirk Köln). Mit der Bürgermeisterei gab es nur noch einen Gemeindetyp. An der Spitze der Bürgermeisterei stand ein Bürgermeister - der Maire, der vom Präfekten des jeweiligen Departements ernannt wurde. Der Bürgermeister war bei der unmittelbaren Staatsverwaltung vom Präfekten abhängig, in Fragen der kommunalen Selbstverwaltung jedoch unabhängig. Der „Maire“ erhielt vom Staat kein Gehalt, sondern bekleidete sein Amt ehrenamtlich.
                                                                     
 
Eine Urkunde aus dem Jahr 1808 besagt, dass Franz Adam Cremerius (geb. 6. Mai 1764, verst. 20. September 1832), Besitzer des Pilgramshofs und Bergerhofs, erster Bürgermeister von Worringen war ab 1797 bis 1832, zunächst unter französischer, ab 1815 unter preußischer Herrschaft. Er gehörte offenbar zu den wirtschaftlich kräftigen Bürgern, den sog. Notabeln. Sie zahlten freilich die Steuern, aber diese Pflicht brachte ihnen jedoch manche Rechte. Sie durften sich als die Repräsentanten des Volkes betrachten und saßen in den Distrikts- oder Gemeinderäten. Sie waren es vor allem, die dem napoleonischen Verwaltungssystem folgten und dadurch begünstigt wurden. Die Bürgermeisterei Worringen umfasste neben Worringen die Orte Roggendorf, Thenhoven, Fühlingen, Weiler, Langel, Rheinkassel und Merkenich und hatte zu dieser Zeit ca. 1.200 Einwohner.

                                                                              


Zivilstandsregister

Eine seitdem im staatlichen Auftrag stehende Verwaltungsaufgabe der Kommune ist die Führung der Zivilstandsregister, der heutigen Personenstandsregister im Standesamt.

Die französische Verfassung vom 3. September 1791 hatte den Grundsatz aufgestellt, dass die Ehe vor dem Gesetz nur als bürgerlicher Vertrag zwischen Mann und Frau zu gelten habe. So wurde 1798 nicht nur die Zivilehe eingeführt, auch die einheitlichen Beurkundungen der Geburten, Heiraten und Sterbefälle aller Bewohner des Landes durch öffentliche Amtsträger. Seitdem wurden in jeder Bürgermeisterei pro Jahr je ein Geburten-, ein Heirats- und ein Sterbebuch geführt. Das französische Zivilstandwesen ist der Ursprung des staatlichen Personenstandwesens, der heutigen Standesämter. Dieses Prinzip der Registerführung existiert noch heute.

Der zweite Teil der Ausführungen folgt in Kürze.


Literaturquellen
Aloys Schulte: „Tausend Jahre deutscher Geschichte und deutscher Kultur am Rhein“, Düsseldorf 1925
Thomas Nipperdey: „Deutsche Geschichte 1800 - 1866“, München 1968
Richard Büttner: „Die Säkularisation der Kölner geistlichen Institutionen“, Köln 1971
Wolfgang Schieder: „Säkularisation und Mediatisierung in den vier rheinischen Departements 1803 - 1813“, Boppard / Rhein 1991

Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2018 (2017) des “Kreisheimatbund Neuss e.V.“
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Abbildungsnachweise
de.wikipedia.org › wiki › Code_civil
de.wikipedia.org › wiki › Liste_derBaudenkmäler im Kölner Stadtteil Fühlingen

www.geschichte-abitur.de › uebersicht-napoleonische-zeit
aus privater Sammlung

Bericht: Manfred Schmidt

heimatarchiv-worringen.de/Juli 2021

 

 

Publikationen zur Ortsgeschichte

Das Heimatarchiv hat zur Ortsgeschichte die nachstehend aufgeführten Publikationen veröffentlicht. Diese können auf Anfrage zum Preis von 5.00 Euro (zuzüglich Versandkosten) erworben werden. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder Telefon 0221-785678.

(Zum Inhalt jeweils auf auf Foto klicken)

 

                          

                                                       

                                                       

                                                       

                                                       

                                                         

 

Feldpost Serie

Im Worringer Heimatarchiv sind ca. 10.000 Fotografien aus unterschiedlichen Zeitepochen und Themenbereichen digitalisiert. Aus diesem Bestand veröffentlichen wir in einer fortlaufenden Serie  Feldpostkarten  von Worringer Kriegsteilnehmern aus dem 1. Weltkrieg. 

Dritte Folge:

 

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Ein Wunder, dass die Alten noch leben!

 

Was die Menschen in ihrer Jugend doch alles durchgemacht haben.

Als Kinder saßen sie in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbag. Ihre Kinderbetten waren bunt angemalt mit Farben, die aus Schwermetallen und schlimmen Lösungsmitteln zusammengesetzt waren. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für ihre kleinen Finger.

Die Hustensaft-Fläschchen aus der Apotheke konnten sie ohne Schwierigkeiten öffnen, denn sie hatten keinen Sicherheitsverschluss - ebenso wenig wie die Bleichmittel aus dem Supermarkt. Auf dem Fahrrad trugen sie nie einen Helm.
Sie tranken Wasser aus Wasserhähnen und nicht aus Flaschen.

Sie bauten Wagen aus Seifenkisten und entdeckten während der ersten Fahrt den Hang hinunter, dass sie die Bremsen vergessen hatten. Damit kamen sie nach einigen Unfällen trotzdem klar.

Sie verließen morgens das Haus zum Spielen, blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo sie in der Zwischenzeit waren, denn sie hatten kein Handy dabei!

Sie haben sich beim Spielen geschnitten, die Knie abgeschürft, die Knochen gebrochen oder Zähne verloren. Aber niemand wurde deswegen verklagt. Es waren eben ganz normale Unfälle. Es wurde kein Schuldiger gesucht, denn sie betrachteten sich einfach als selbst schuldig daran. Keiner fragte nach „Aufsichtspflicht", „Haftung" oder „Rechtsschutzversicherung".

Sie prügelten sich, kämpften und schlugen einander manchmal bunt und blau. Und sie vertrugen sich von selbst wieder ohne Gewaltvermeidungskonzepte und Streitschlichtungsprogramme.

Die Mädchen mussten sich ohne Koedukation und Selbstbehauptungskurse entwickeln; es gaben kein Frauenfußball und kein Frauenboxen.

Die Sonnenfinsternis betrachteten sie durch eine Glasscherbe, die sie mit Ruß geschwärzt hatten, und sie wurden nicht blind davon.

Sie aßen Kekse, Brot dick mit Butter bestrichen, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht dick.

Sie tranken mit ihren Freunden aus einer Flasche und niemand starb an den Folgen.

Wie armselig mussten sie ihre Freizeit gestalten; ohne 96 Fernsehkanäle, Playstation, Nintendo, X-Box, Videospiele, Videofilme, Surround Sound, eigene Fernseher, eigener Computer, CD-Brenner und Internet.

Aber sie hatten Freunde. Sie gingen einfach raus auf die Straße und trafen sie dort.
Oder sie marschierten einfach zu deren Wohnung und klingelten. Manchmal klingelten sie erst gar nicht und gingen einfach hinein. Ohne Terminabsprache und ohne Wissen der Eltern. Keiner begleitete sie hin und wieder zurück.

Sie redeten persönlich miteinander und mussten auf WhatsApp, SMS, Chat4rooms und E-Mails verzichten.

Ihre Telefongespräche konnte jeder mithören, weil sie keine eigenen Geräte besaßen. Sie mussten selbst spielen, selbst sprechen, selbst schreiben und selbst zuhören.

Überall mussten sie zu Fuß hingehen; zum Sportverein, zum Musikunterricht, zum Ballett, zum Reiten. Kein Elternauto brachte sie hin oder holte sie wieder ab.

Beim Straßenfußball durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen.

Wer frech war oder den Unterricht störte, bekam schon mal einen Klaps. Die Lehrer brauchten dafür keine Anzeige wegen Körperverletzung zu befürchten, sondern ernteten Zustimmung.

Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere. Sie rasselten durch eine Prüfung und wiederholten die Klasse. Das führte nicht zu Elternprotesten, Dienstaufsichtsbeschwerden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung.

Mangelhafte Leistungen wurden knallhart formuliert. "Die Rechtschreibeleistungen von Fritz sind ungenügend". Wie gerne hätten sie den heutigen Satz „Friedrich hat in differenzierenden Aufgabenstellungen im Rechtschreiben manchmal ausreichende Leistung erbracht“ gelesen.

Ihre Taten hatten Konsequenzen. Das war allen klar und keiner konnte sich verstecken. Wenn einer als Ladendieb erwischt wurde, gab es ein Verfahren. Die Eltern griffen nicht die Polizei an, sondern waren sogar ihrer Meinung. So etwas!

Im zarten Alter von 14 oder 15 mussten sie ihre Lehrstelle antreten. Sie nannten sich „Lehrlinge" und mussten mit der Tatsache „Lehrjahre sind keine Herrenjahre" überleben lernen.

 

Quelle: Heimatarchiv

Verfasser: unbekannt

Heimatarchiv sucht Worringer Ansichtskarten

Das Heimatarchiv ist ständig auf der Suche von Ansichtskarten und Sehenswürdigkeiten aus früheren Zeiten. Wer im Besitz dieser Utensilien ist und diese zur Archivierung zur Verfügung stellen möchte, bitte melden unter Telefon 0221-785678 oder per Mail an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.