Wussten Sie schon … ?

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                                                                                Historischer Rückblick des Orts Worringen
                                                                            Geschichtsfälschungen: Irrtümer und Legenden

Es erfolgt immer wieder, dass Archäologen, Historiker und Geschichtsschreiber vermeintlich bahnbrechende Entdeckungen machen, verloren geglaubte Artefakte gefunden werden oder historisches Wissen angepasst wird. Nicht immer sind diese auch wirklich authentisch. Worringen hat bekanntermaßen eine bewegte Vergangenheit durchlebt. Dessen ungeachtet ist die Geschichte des Orts aus der Antike und frühmittelalterlichen Epoche auf der Grundlage von neuzeitlichen Erkenntnissen der diversen archäologischen Ausgrabungen und wissenschaftlichen Prähistorie vor allem der letzten Jahrzehnte zu reformieren.

                                             
 

Kastelle am niedergermanischen Limes, Worringen zwischen Neuss und Köln?
Ausgrabungen belegen ab der Bronze- und Eisenzeit eine stetige Anwesenheit der urgeschichtlichen Einwanderer, wie etwa 500 v. Chr. die Besiedlung durch keltische Eburonen in unserer Gegend. Um Christi Geburt sind erste Aktivitäten der Römer auf der Niederterrasse des Rheinverlaufs zu verzeichnen. Die Namenszuordnung des Orts nach „Buruncum, auch Burungum oder Boruncum“, verursachte in der Vergangenheit immer wieder einen Expertenstreit. Dank einer erheblich verbesserten archäologischen Quellenlage scheint es unstreitig widerlegt zu sein, dass Worringen mit dem sog. römischen Kleinkastell „Buruncum“ gleichzustellen ist. „Buruncum“ wurde den schriftlichen Quellen zufolge 70 n. Chr. gegründet. Die Verknüpfung des Kastellnamens „Buruncum“ mit Worringen erfolgte vor allem aufgrund der Ergebnisse der etymologischen Namensforschung, die den mittelalterlichen Ortsnamen Worunc bzw. Worunch vom römischen „Buruncum“ ableitete. Diese namenkundlichen Zuweisungen halten den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen jedoch nicht stand.

 
                                                       

Die Existenz römischer Gutshöfe ist archäologisch zweifelsfrei nachgewiesen und auf dem Grundstück der St.-Pankratius-Kirche an der „Alte Neusser Landstraße“ stieß man u. a. auf ein mächtiges römisches Gussmauerwerk, ein monumentales etruskisches Kapitell, einen Grabstein und Säulenfragmente. Der Standort war erkennbar als eine Kultstätte, jedoch ein Kleinkastell „Buruncum“ wurde in Worringen historisch nicht nachgewiesen. Grundrisse einer antiken Militärarchitektur durch den Einsatz von Luftbildarchäologie und geophysikalischen Prospektionsmethoden kamen nicht zum Vorschein. Es wird vermutet, dass sich hier evtl. ein römisches Legions- und Hilfstruppenkastell (castella) befand mit einer geringen militärischen Belegung.

                                                                                             
 

Nach dem „Itinerarium provinciarum Antonini Augusti“ (Verzeichnis der wichtigsten römischen Reichsstraßen, das auch römische Niederlassungen angibt) befand sich „Buruncum“ an der Heerstraße von Colonia Claudia Ara Agrippinensium - CCAA (Köln) nach Colonia Ulpia Traiana (Xanten) zwischen Novaesium (Neuss) und Dornomagus (Dormagen). Denkbar wäre indessen eine Verbindung des heutigen „Haus Bürgel“ (erst seit 1373/74 auf der Monheimer Seite des Rheins) mit dem Kleinkastell „Buruncum“. Hierzu gibt es bereits seit dem 19. Jahrhundert längliche Diskussionen zur Lokalisierung. Die moderne Namensforschung nimmt stark an, dass „Buruncum“ nach Lage, Namen und Altertümern das jetzige „Haus Bürgel“ ist. In einer Publizierung „Die Deutung alter Ortsnamen am Mittel- und Niederrhein“ von 1870 heißt es längst: „Der Name des röm. „Buruncum“ ist nicht von dem Grundwort „Bur“ = Häuschen, sondern von „Buruc, Puruc“ = Burg abzuleiten. Unter Berücksichtigung vielfältiger Argumente ist das „Haus Bürgel“ (präsentiert sich heute als neuzeitlicher Vierkantgutshof) mithin dem althochdeutschen „Burgila-Castrum“ zuzuordnen. Gegner dieser Meinung haben auch nichts Sicheres an der Hand, da für die Standorte nördlich oder südlich von Worringen faktisch nirgends archäologische Zeugnisse oder verlässliche Quellen für das Vorhandensein römischer Militärgeschichte existieren.

                                               

Namensgebung des heutigen Orts Worringen in römischer Zeit
Bemerkenswert ist ein unbeschädigter Steinfund in der Umgebung des Parallelwegs (Bergerhof, Krebelshof). Die Inschrift enthielt den Namen der Bewohner des hiesigen Ortes: „IN . H : D . D : // DEAE : REGINAE . // VICANI . SE. GORIGENSES“ (In honorem domus divinae // Deae Reginae // vicani Segorigenses. - Der Göttin und Königin // die Bewohner des Orts Segorigenses).
Die keltischen Siedlungsnamen wurden von den Römern, welche von 15 v. Chr. bis ca. 500 n. Chr. in unserem Raum lebten, signifikant übernommen und latinisiert. Der Ort Segorigum ist eine sog. Kompositionsbildung (verschiedene Grundwörter) aus „seg, sego, segho, sigis“ = Stärke, Kampf, Kraft, Sieg sowie „rigion, rigium, rigum“ = Reich, Herrschaft. Archäologen und Historiker vertreten nach neuzeitlicher Beurteilung nachdrücklich die Auffassung, dass der vicus Segorigensis das heutige Worringen darstellt, welches zudem die keltischen Wurzeln des Wortlauts und die Nachweisung, wie aus Segorigum Worringen entstand, deutlich zeigt. Schon früh haben die Römer hier nachweisbare Anwesen (wie Gutshöfe - villae rusticae) errichtet. Der Fundort enthüllt durch den Inhalt der Schrift seine Gewissheit, dass Segorigum, Segorigus den heutigen Ort Worringen dokumentiert. Exakt beweisen kann man dies allerdings nicht, weshalb es sich bei dieser Annahme wiederum um eine hohe Wahrscheinlichkeit handelt. Festzuhalten ist jedoch, dass das römische Straßenwesen nicht isoliert betrachtet werden kann. So hat der Ausbau von Straßen oft in Kombination mit Koloniegründungen stattgefunden.

Beurkundung Worringens
Das spätantike und frühmittelalterliche Worringen findet in der schriftlichen Überlieferung keine Erwähnung. In einer Urkunde vom 11. August 922 (in lateinischer Schrift) des Kölner Erzbischofs Hermann I. von Bliesgau (889 bis 924, * um 870, + 11. April 924) wird bekundet, dass er den Konventualinnen des von den Ungarn zerstörten Stifts Gerresheim auf deren Bitten die Stiftskirche zu den 11.000 Jungfrauen vor den Mauern Kölns zugewiesen hat, nimmt sie in seinen Schutz, gesteht ihnen das freie Wahlrecht zu und bestätigt u.a. den Besitz der „Edila in Vuurne mansum dimidium“ (die Auslegung „Edila eine halbe Manse in Worringen“ ist eine spätere Deklination).
Urkundenstudien hierzu ergaben, dass die Urkunde kein Original ist. Sie enthält als verfälschende Nachzeichnung aus dem letzten Viertel des 11. Jahrhunderts echte und gefälschte Bestandteile, wobei die echten auf Vorlagen aus der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts zurückgehen. Außerdem wird die beigefügte Liste von Schenkungen in Ansätzen angezweifelt. So hatte der an dieser Urkunde tätige Bearbeiter aus dem Gedächtnis formuliert, wobei es zu Vereinfachungen und Ungenauigkeiten kam. Die atypische Schreibweise „Vuurne“, die in der Ortsnamensforschung keine entsprechende Analogie findet, geht dem Anschein nach auf eine fehlerhafte Abschrift der Urkunde zurück.

                                                                           

Worringen wurde erwiesenermaßen erstmals im 12. Jahrhundert beurkundet. In „Regesten“ (Zusammenstellung von Urkundenauszügen) wird die Übertragung der Worringer Vogtei des Grafen Gerhard IV. von Jülich nach seinem Tod an den Kölner Erzbischof Arnold I. von Merxheim (1138 bis 1151) auf das Jahr 1143 datiert. Mit einer Urkunde Kaiser Friedrich I. Barbarossa (* um 1123, + 1190) vom 14. Juni 1153 bekräftigt dieser auf der Reichsversammlung zu Worms, dass der Kölner Erzbischof Arnold II. von Wied (1151 bis 1156) noch als Domprobst (1127 bis 1151) von Erzbischof Arnold I. die „villa Worunch“ für 100 Mark erworben habe.


Literaturquellen
Dr. Johann Wilhelm Christian Steiner: „Codex Inscriptionum romanarum - Rheni“, Darmstadt 1837

Dr. Anton Hermann Rein: „Die römischen Stationsorte zwischen Colonia Agrippina und Burginatium“, Crefeld 1858,

veröffentlicht in „Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik“

Almanach für den Kreis Neuss 1980

Michael Rathmann: Die Reichsstraßen der Germania Inferior“, Bonner Jahrbuch, Band 204, 2004
Prof. Dr. Marcus Trier: „Zur frühmittelalterlichen Topografie von Worringen, Stadt Köln“, Berlin - Kölner Jahrbuch, 40. Band, 2007 (Direktor des Römisch-Germanischen Museums und der Archäologischen Bodendenkmalpflege der Stadt Köln)
Jahrbücher für den Rhein-Kreis Neuss 2001 (2000) und 2015 (2014) des „Kreisheimatbund Neuss e.V.“
„Antike geographische Namen nördlich der Alpen“, Gerhard Rasch, Berlin 2012
Dr. Karl-Heinz Hennen: „Geschichte der Stadt Monheim am Rhein“, Monheim 2016
Hochschulbibliothekszentrum des Landes NRW - „Köln, St. Ursula“, Rhein. Urkundenbuch Bd. 2 / 317 (verfälscht)
Jost Auler: „Dormagen in der Römerzeit“, Stadt Dormagen und Geschichtsverein Dormagen e.V. in Zusammenarbeit mit dem Archiv im Rhein-Kreis Neuss in Zons, Archivleiter Dr. Stephen Schröder, Dormagen 2021

Abbildungsnachweise
https://de.wikipedia.org/wiki/Niedergermanischer_Limes
https://haus-buergel.monheim.de/roemisches-museum/
Historisches Archiv der Stadt Köln (HAStK)
Jost Auler, Dormagen in der Römerzeit
Steve Bödecker, Sebastian Held, LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland
Sonderveröffentlichung Kölner Stadtanzeiger und Kölnische Rundschau vom 28. April 2022

aus privater Sammlung

Bericht: Manfred Schmidt
heimatarchiv-worringen.de/Juni 2022