Wussten Sie schon … ?

 

 

Worringer Leinpfad (Treidelpfad) am Rheinufer

Treidler zogen Barken und Boote stromaufwärts

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Wegen Ausgleichsmaßnahmen zur Umsetzung des Leverkusener Brückenbaus wurde eine großflächige 31 ha umfassende Einzäunung der Rheinauen im Naturschutzbereich veranlasst, so dass der freie Zugang zum geschichtsträchtigen Worringer Leinpfad möglich, aber eingeschränkt ist.

Der nördliche Teil des alten Worringer Rheinarmes wurde zu einem Hafenbecken umgestaltet, zu dem bereits in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von den Fabriken im Süden Dormagens Gleisanlagen hinführten. Das Hafenbecken selbst verlandete zunehmend und verlor seine wirtschaftliche Rolle. Noch 1872 querte hier der historische Leinpfad die Einmündung des „Pletschbach“ (im Volksmund Muttbach oder Pädsbach genannt). Der rund 7 m breite Treidelpfad, an dem die Schiffe an Tauen mit Pferden flussauf gezogen wurden, lief am Westufer eines Rheinarmes. Getreidelt wurde bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts, stellenweise auch noch länger, wurde jedoch mit der Dampfschifffahrt zunehmend überflüssig. Zum „Orth“, einer flachen Insel (jetzt Rheinwiese zwischen dem alten Hafen und dem Rheinufer), wurden Buhnen errichtet und zwangen den Rhein zur Sedimentationen. Deshalb entfernte sich der Leinpfad Richtung Worringen immer mehr vom heutigen Ufer.

       

Mancher Uferanlieger und Landwirt in Rheinnähe ergriff die Gelegenheit eines Nebenverdienstes, leistete als Pferdehändler den Treidlern Spanndienste. Für durstige Kundschaft richteten manche neben Pferdeställen auch Gastwirtschaften mit Übernachtungsmöglichkeiten ein, wo Treidler und Pferdeknechte am Abend Anker werfen, ausspannen und bei Kornbrand und Speisen sowie Futter für ihre Pferde Quartier nehmen konnten. An der Neusser Landstraße 391 und 396 befanden sich die Schankwirtschaften „Zur Wacht am Rhein“ (seit 1875, früher „Zur Rheinlust“) und   „Op der Ling“, nachher „An Libbede“ genannt. Die Bezeichnung „Libedde“ könnte einen Bezug zu Leihbetten für Treidler gewesen sein.
Das Treideln (von spät. lat. tragulare = schleppen) ist neben dem Segeln die älteste Transportmethode der Binnenschifffahrt. Auch auf dem Rhein gab es bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Lastensegler, die sich aber nur in bestimmten Gegenden und auch nur stromabwärts von selbst bewegen konnten. Außerdem vermochten sich Schiffe mit nicht allzu hohem Gewicht auch mit der Strömung treiben lassen.

Viel weiter verbreitet war aber das
Treideln, seit dem 8. Jahrhundert historisch belegt. Dabei wurden die Lastkähne vom Ufer aus von Pferdegespannen gezogen. Überall, wo der Rhein schiffbar war, hatte man an einem oder beiden Ufern wo immer möglich sog. Leinpfade angelegt. Mehr oder weniger schmale Wege auf denen die Pferde - durch teilweise bis zu 2“ (= 5,08 cm) dicken Hanfseilen mit dem Lastkahn verbunden - die Schiffe zogen. Wenn der Wind zum Segeln nicht ausreichte, mussten sich Menschen und Zugtiere in Halfter und Schultergurt legen, am Ufer entlang auf Trampel- und Leinpfaden an langen Leinen Barken, Boote und Lastkähne gegen die Strömung flussauf ziehen, sozusagen treideln.

                      
     


Der Bau und Unterhalt der Treidelpfade sowie der Treideldienst waren überörtlich organisiert. Treidelknechte zogen an langen Seilen, die an einem Mast am Vorschiff befestigt waren (dem sog. „Treidelmast“), die Schiffe stromaufwärts oder führten ein Zugtier. Die Leinenreiter zogen die Seile von Pferden aus. Dafür saß der Reiter immer einseitig auf dem Pferd, um im Notfall schnell abspringen zu können. Treidelknechte und Leinenreiter führten immer ein scharfes Sichelblatt oder eine Axt bei sich, um die Treidelseile bei Gefahr kappen zu können. Versorgt wurden die Treidler und Pferde in den Treidelstationen. Diese gab es in regelmäßigen Abständen, an denen ein neues Team den Lastkahn übernahm, während sich Treidelknechte und Pferde auf den Weg zum Ausgangsort machten.

In unserer Gegend verliefen die Pfade immer an dem Ufer, an dem in der Regel ein Hafen lag. So waren die Treidelwege zwischen Koblenz und Neuss durchweg linksrheinisch, ab Düsseldorf dann vorwiegend rechtsrheinisch. Durchgehende Verbindungen gab es an und für sich nicht. So musste das Transportgut an unpassierbaren Stellen abgeladen, über Land transportiert und dann auf einen anderen Lastkahn umgeladen werden. Oft wurde das Umladen aber auch einfach durch das Fehlen von Leinpfaden erzwungen.

           
   

Der Leinpfad am Rhein führte um 1800 gegenüber Düsseldorf am linken Rheinufer vorbei. Bedingt durch die kleinen Inseln vor Neuss wurde für eine kleine Strecke auf die rechte Rheinseite gewechselt. Von Grimlinghausen an Stürzelberg vorbei bis zur Piwipp bei Dormagen-Rheinfeld wurden die Schiffe wieder linksrheinisch getreidelt. Dort wichen die Schiffe wegen des seichten Ufers auf die rechte Seite nach Monheim aus. Gegenüber von Hitdorf verlief der Leinpfad dann ungehindert bis Köln auf der linken Rheinseite. Von Amsterdam, dem wichtigsten Handelsplatz der Welt im 17. Jahrhundert, fuhren bis Anfang des 19. Jahrhunderts die breiten Beurtschiffe (Samoreusen) bis Köln. Diese Schiffe wurden von bis zu 30 Pferden gezogen. Eine solche Fahrt dauert je nach Windstärke 2 bis 6 Wochen. Auf diesen über Sand, Lehm und Geröll führenden „Einbahnstraßen“ konnte der Verkehr nur - wie im Gänsemarsch - in Abständen nacheinander erfolgen. Wie das Uferwechseln war auch ein Überholen anderer Lastkähne bei hochgehobenen bzw. tief ins Wasser gesenkten Zugleinen ein gefährliches, oft mit Unfällen verbundenes Manöver.

                                                                     
   

Das Treideln war eine harte Arbeit, besonders für die Pferde. Um ausreichend Kraft auszuüben, mussten diese jeweils leicht schräg und vom Wasser abgewandt ziehen, sodass die Tiere „nach und nach schief" wurden. Kaum ein Pferd war länger als 4 oder 5 Jahre zu gebrauchen. Aber auch für die Leinenreiter und Treidelknechte war das Treideln ein harter Job. Aber immer noch besser, als selbst die Lastkähne ziehen zu müssen. Und das mussten sie immer dann, wenn besonders schwere Lastkähne gegen die Strömung zu bewegen waren. Dann kamen manchmal mehrere Hilfskräfte zusammen, die den Transport mit Stangen und Ketten unterstützten und oft mit den Pferden zusammen an den Seilen zerrten. In einer kurzen Übergangszeit wurden an manchen Stellen des Rheins Dampfmaschinen mit Winden anstelle von Gespannen eingesetzt. Wo der Fluss wenige Biegungen machte, brachte man Ketten bis zum Lastkahn, befestigte sie am Bug und zog das Schiff dann mit Dampfkraft zu Berg. Als eiserne Schleppdampfer ab etwa 1850 immer mehr die Transporte auf dem Rhein übernahmen, mussten Treidler und Pferdeknechte den Verlust ihres Gewerbes befürchteten und um ihre Existenz bangen.

                                                                     
   

Die Treidelpfade lagen immer zwischen dem Ufer und dem Deich (sofern vorhanden). Die Nutzung des den ganzen schiffbaren Rhein begleitenden Leinpfades war Fuhrwerken und Viehtreibern gänzlich untersagt. Leider sind nur wenige Leinpfade am Rhein in unserer Region als solche erkennbar. Zwischen Zons und Stürzelberg kann man unterhalb der Deiche noch die alte Wegführung erkennen. Aber an den meisten Stellen sind die teilweise uralten Treidelwege schon bei den diversen Maßnahmen zur Begradigung des Rheins verschwunden. Ob ein Wander- oder Radweg Relikt eines alten Treidelpfads ist, erkennt man daran, dass er unmittelbar am Wasser und unterhalb von Dämmen und Deichen verläuft.

Literaturquellen
Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2004 (2003) des „Kreisheimatbund Neuss e.V.“
Hinweis- und Infotafel Zweckverband Kölner Randkanal (ZKR) 2012, Standort Köln-Worringen, Mündungspark Alter Hafen / Sperrwerk Randkanal

Rainer Bartel: „Treideln - die älteste Transportmethode auf dem Fluss“,
Rhein-Magazin Düsseldorf 2016

Abbildungsnachweise
http://www.erlebnispfad.com › erzaehlstationen / Erzählstation 22 - Wassererlebnispfad von Pulheim zum Rhein
https://de.wikipedia.org › wiki › Treideln
Heimatarchiv Worringen
aus privater Sammlung

Bericht: Manfred Schmidt
heimatarchiv-worringen.de/April 2022