Besuch von Kindern der evangelischen Kirchengemeinde im Heimatarchiv

 

„Heimat“ war das Thema beim Kindermorgen am 18. März 2017, dem monatlichen Kindergottesdienst der evangelischen Kirchengemeinde, der immer mit einem Frühstück beginnt und dann neben einer biblischen Geschichte auch etwas Spielerisches oder Kreatives beinhaltet. Und da lag es natürlich bei diesem Thema nahe, auch das Worringer Heimarchiv zu besuchen. Zwischen der Eingangsfrage von Herrn Heinz: „Kinder, was ist denn eigentlich Heimat?“ und der Schlussbemerkung von Pfarrer Hofmann-Hanke: „Wenn Ihr mal Omas und Opas seid, dann könnt Ihr ja auch von früher erzählen, wie Ihr da gelebt habt in Worringen – und vielleicht erinnert Ihr Euch dann auch an das Heimatarchiv, in dem die Geschichte Worringen erlebbar wird.“ Es gab viele Informationen über die vielerlei Schätzchen, die es in den Ausstellungsräumen neben der Post jeden Mittwoch von 17 – 19 Uhr zu besichtigen gibt. Dabei wurde deutlich, wie wertvoll es ist, wenn die Generationen in gutem Kontakt miteinander sind, ist es doch immer wieder schön, wenn ein Kind berichten kann, was es über das frühere Leben von Opa und Oma gehört hat. Vielen Dank an Herrn Heinz und Herrn Lange, die das Gespräch so geführt haben, dass es für die Kinder interessant war.

                                                                

 

Bericht: Volker Hofmann-Hanke

Foto: Heimatarchiv Worringen e.V.

 

Wie Bayer nach Worringen kam

 

Zu Beginn des Jahres 1913 wurde das für gewöhnlich so beschauliche Leben in der bäuerlich geprägten Bürgermeisterei Worringen von einer eigenartigen Aufregung erfasst: Man sah sich mit einer „Industrieangelegenheit“ konfrontiert, deren „glückliche Erledigung“ für die künftige Entwicklung von größter Wichtigkeit zu schein schien. Vor allem Joseph Seul - seit 1907 Bürgermeister - wollte die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen. Die Bürgermeisterei Worringen umfasste zu jener Zeit das „Städtchen“ Worringen (mit Schloss Arff, Haus Furth, Teile des Chorbusches und Piwipp sowie den zugehörigen Höfen Brüngesrather Hof, Bergerhof, Krebelshof, Blechhof) und die Dörfer Roggendorf, Thenhoven, Fühlingen (mit Feldkassel und Stallagsberg), Langel (mit Rheinkassel und Kasselberg), Weiler, Merkenich (mit den Höfen Groß- und Klein-Lachem) und hatte eine Fläche von rund 5.400 ha (= 28 % des damaligen Stadtgebietes Köln).
                                                             

Seul wusste nur zu gut, dass der industrielle „Take Off“ im Köln-Neusser Gebiet stattgefunden hatte. Die Neigung zur Niederlassung von Großindustrie war seit der Jahrhundertwende immer deutlicher hervorgetreten. Demgegenüber sah Seul seine Gemeinde eindeutig im Hintertreffen. Sicherlich: „Die Zeit, dass die Gemeinde eine rein landwirtschaftliche Bevölkerung hatte“, war längst entschwunden. Es existierten zwar Ziegeleien, Sägewerke, Brauereien, eine Kettenschmiede und Korbmacherbetriebe, trotzdem konnte man nicht von einer industriellen Struktur sprechen. Ein Großteil der arbeitenden Bevölkerung hatte immer noch eine Beschäftigung in der Landwirtschaft und lebte vom Fischfang. Zumal waren in Worringen zahlreiche Straßen und Wege noch nicht befestigt. Es gab keine Kanalisation, kein elektrisches Licht. Das Wasser wurde mit der Schwengelpumpe im eigenen Hof gepumpt oder aus dem Gemeinschaftsbrunnen geholt.

Da die Leverkusener „Farbenfabriken Bayer AG vorm. Friedrich Bayer & Co.“ infolge der stürmischen industriellen Entwicklung kurzfristig Gelände benötigte, wurde 1913 das unbebaute, nur von einem Feldweg durchzogene Ackergelände zwischen den Ortschaften Worringen und Dormagen (mit einer Größe von insgesamt ca. 650 Morgen (* 1), davon ca. 230 Morgen Worringer Gebiet) durch „geheimnisvolle Mittelsmänner“ angekauft, da die Farbenfabriken eine Preistreibung verhindern und deshalb bei den Verhandlungen nicht genannt werden wollten.
Seul hatte zuvor - ohne konkret zu werden (* 2) - den vielen Grundstücksverkäufern - den Bauern und kleinen Grundstücksbesitzern - deutlich gemacht, die Ansiedlung industrieller Großproduktion lediglich dann zustande kommen könne, wenn alle Parzellen zusammenhängend und zu angemessenem Kaufpreis der Gemeinde überlassen würden (* 3). Die Anstrengungen des Bürgermeisters fanden letztlich trotz einiger Vorbehalte bei den Grundstücksverkäufern Zuspruch. Am 31. März 1913 meldete das „Berliner Tageblatt“, dass auf dem linken Rheinufer nahe Leverkusen große Grundstücke zur Anlage neuer Betriebe erworben worden waren. Als Käufer hatten sich die Farbenfabriken zu erkennen gegeben, jenes weltweit operierende Farben-, Pharma- und Chemieunternehmen, das seit 1899 Aspirin produzierte und im 50. Jahr seines Bestehens (gegründet 1863 in Elberfeld) einen der größten Konzerne in Deutschland darstellte.
                                                                                             
Zwischen Anschein und Wirklichkeit klaffte allerdings eine Kluft. Die tatsächlichen Hintergründe der Grundstückskäufe vermochte kaum jemand zu erfassen. So sehr etwa die öffentliche Berichtserstattung den lokalen Erwartungen entgegenkam, so wenig gab sie die Pläne wieder, die von den Farbenfabriken mit dem umfangreichen Grundstückserwerb verfolgt wurden. Es ging gar nicht um eine großindustrielle Nutzung. Die für den Ankauf ursprünglich bestimmende Absicht bestand vielmehr darin, Depots zu schaffen für den im eng bebauten Leverkusen auf die Dauer nicht mehr unterzubringenden bei der Produktion entstandenen Schlamm- und Schuttanfall (ton-, kalk- und gipshaltige Stoffe der Farben- Rückstände sowie Kesselschlacke und Bauschutt).

Zweifelsohne brachten es die Planungen mit sich, dass das Gebiet zwischen Worringen und Dormagen in ein für industrielle Zwecke geeignetes Gelände umgewandelt wurde. Ein kurz- oder mittelfristiger Baubeginn für ein großes Industriewerk - wie gegenüber der Presse verlautbart - war jedoch vorerst nicht Teil der Unternehmungsplanung. Der Blick war von Beginn an auf Auftragsvergaben im Rahmen des Schuttkippen-Projektes gerichtet.

Die Planungen der Farbenfabriken konnten jedoch nur zu einem kleinen Teil verwirklicht werden. Zwar begannen sie mit der Ausbaggerung des Geländes, zur Ablagerung von Industrieabfällen ist es jedoch bedingt durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1. August 1914 nie gekommen. Militärpolitische, aber auch unternehmerische Interessen machten es für die Farbenfabriken notwendig, ihre Pläne für das Gelände grundlegend zu ändern. Worringen und Dormagen erhielten letztlich doch ein bedeutendes Industriewerk.
                                                         

* 1 1 Morgen = im Durchschnitt 25-30 Ar, 100 Ar = 1 Hektar
* 2 Gegenüber Dritten geschickt mit Teilwahrheiten und Verschleierungsmanövern
operierend, war es den „Mittelsmännern“ der Farbenfabriken gelungen, Fortschrittshoffnungen in den Landgemeinden anzusprechen und die Gemeindeoberen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Seul teilte man bedeutungsvoll mit, dass eine Industrie sich für das Gelände interessierte und große Vorteile für die Kommune zu erwarten seien. Mahnend hob man hervor, dass das Projekt scheitern würde, wenn nicht in kürzester Frist die Eingesessenen für ihren Auftraggeber annehmbare Forderungen stellten.
* 3 Auf einer Volksversammlung versprach Seul den Anwesenden die Schaffung tausender Arbeitsplätze und ersuchte die Besitzer der fraglichen Grundstücke dringend, ihre Ländereien zum Wohle aller Worringer Bürger der Gemeindeverwaltung „für eine gewisse Zeit“ zum Verkauf fest an Hand zu geben.

 

Literaturquellen
Jahrbuch für den Rhein-Kreis Neuss 2007 (2006) des „Kreisheimatbund Neuss e.V.“
Archivunterlagen des „Heimatarchiv Worringen e.V.“

Manfred Schmidt

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